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BERLINER WIRTSCHAFT – DEZEMBER 2011
Brot ist politisch
© IHK/Engler
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Joachim Weckmann Seine Kernkompetenz ist einfach Brot: Joachim Weckmann stammt aus dem Sauerland. Dort begeisterte er sich schon als Kind für das Brotbacken.1953 in Plettenberg geboren, studierte er Anfang der siebziger Jahre Betriebswirtschaft in Siegen. 1976 kam er nach Berlin und war Mitbegründer einer Food-Coop und der Kollektiv-Bäckerei „Charlottenburger Brotgarten“. Viele Entscheidungen waren seinerzeit politisch geprägt. Dazu gehörte auch die Frage, ob das KaDeWe Biobrot bekommen soll oder ob man das Großkapital nicht beliefert. Über die Jahre hat sich ein Markt mit Bioprodukten herausgebildet, der dem Neuköllner Unternehmen Wachstumsraten von zehn Prozent beschert. Nebenbei ist Weckmann in der Welt herumgekommen. Reisen mit Bahn und Bus führten ihn schon in den siebziger Jahren nach Nepal. Die Liebe zu Tibet und dem Himalaja hält bis heute. Weckmann setzt sich für ein freies Tibet ein.
Berliner Wirtschaft: Welches Thema bewegt Sie zurzeit besonders?
Joachim Weckmann: Mich beschäftigen schon immer unsere ernährungskulturellen Gewohnheiten. Oft frage ich mich auch, ob sie intelligent sind oder nicht. Basis ist, ich will etwas zu essen haben – also satt werden. Außerdem soll es mir schmecken. Oft stellt sich dann bei vielen die Kostenfrage. Viele sagen dann, dass sie sich Bio gar nicht leisten können. Das ist ja die schlimmste Ausrede überhaupt. Wenn ich mir überlege, dass ein Kilo Brot so viel kostet wie ein Doppel-Whopper, dann stimmt das einfach nicht mehr. Mit unseren Ernährungsgewohnheiten sind wir kein Vorbild für die Welt. Wir stehen weiterhin auf dem Gaspedal und knallen vor die Wand, wenn wir nicht unseren Fleischkonsum einschränken genauso wie mit den Milchprodukten. Letztlich hat alles kulturgeschichtliche und ideologische Hintergründe. Früher konnten sich die reichen Leute helles Mehl leisten, die armen mussten dunkles essen. Weißes Mehl ist aber eine tote Konserve. Da passiert nichts mehr. Da sind keine Weizenkeime mehr drin. Weißmehl besteht aus isolierten Kohlenhydraten. Ich sage, das ist Gift. Hinterher müssen die Leute wieder ins Reformhaus gehen, um sich Weizenkeimöl zu kaufen, damit sie Vitamine haben. Das ist pervers, aber so ist es.
Worüber haben Sie sich in der letzten Zeit am meisten geärgert?
Gemein ist, dass wir keinen fairen Handel hundert Kilometer von hier haben. Unsere Bäcker haben sechs Wochen Urlaub. Die Bauern sind froh, wenn sie mal zwei Wochen wegfahren können. Es werden einfach keine fairen Preise bezahlt. Fremdausbeutung durch Selbstausbeutung zu ersetzen ist nicht unser Ziel. Die Bauern kriegen keine fairen Preise. Um das zu ändern, gehören wir zur Organisation „fair & regional“ Bio Berlin-Brandenburg.
Was schätzen Sie an Berlin?
Berlin ist meine Stadt. Hier lebe ich mehr als 35 Jahre. Ich bin nach meinem Studium hierher gekommen und habe zunächst in Kreuzberg gelebt. Mit einem Reisegewerbeschein war ich damals unterwegs und habe selbstgebackene Früchtebrötchen und Gemüsefrikadellen verkauft. Das war damals hier noch was ganz Besonderes. Bei den Hippies in den USA aber nicht. Mit dem Brotgarten in Charlottenburg ging es dann weiter. Märkisches Landbrot backt seit 1930 für Berlin. 1981 habe ich der Brotbäckerei zu neuem Leben verholfen und auf Bio umgestellt. Berlin hat eine sehr lebendige und kreative alternative Szene, die immer neue Ideen hervorbringt.

