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BERLINER WIRTSCHAFT SEPTEMBER 2010

Einstieg in die Praxis

Das Duale Lernen ist das Herzstück der Schulstrukturreform in der Hauptstadt. Damit will Berlin den Schülern bessere Chancen für die Berufsausbildung eröffnen. Den Nutzen haben auch die Unternehmen.

Die Aufgabe im Berufsparcours ist knifflig. Ein Kunde mochte eine Armatur aus Keramik kaufen. Schnell gleiten die Finger über die Preisliste, 20 Prozent Rabatt sollen einberechnet werden. Die Schülerin findet den Preis des Produktes und rechnet den richtigen Endpreis aus. Anerkennung ist ihr sicher. Viele Schuler der achten Jahrgangsstufe der Gustav-Heinemann-Oberschule in Tempelhof erledigen die berufsbezogene Aufgabe der Bar & Ollenroth KG. Durch den Fachgroßhändler für Sanitär und Heizung erfahren die Schüler auf diese Weise, was sie erwartet, wenn sie den Beruf des Gros- und Außenhandelskaufmannes erlernen wollen. Auch Unternehmen wie Mercedes-Benz oder Klosterfrau geben im aufgebauten Berufsparcours der Gustav-Heinemann- Oberschule durch typische Übungen Einblicke in unterschiedliche Berufe. „Schüler können so erfahren, wo ihre Starken und Schwachen liegen, vermeiden Fehlentscheidungen und erhalten Orientierungshilfen für das bevorstehende Praktikum”, erklärt Jutta Kreins. „Und wir lernen mit wenig Aufwand interessierte und begabte Jugendliche kennen”, ergänzt die Ausbildungsleiterin der Bar & Ollenroth KG. Der Berufsparcours ist ein gelungenes Beispiel für die Zusammenarbeit von Betrieb und Schule.

Die Idee dahinter ist das Prinzip des Dualen Lernens, das Herzstuck der neuen Schulstruktur in Berlin. Es verbindet den Unterricht in der Schule mit Lernorten der beruflichen Arbeitswelt. Schuler lernen ab der siebten Jahrgangsstufe Stuck für Stuck die betriebliche Praxis und wirtschaftliche Realität kennen. „Durch die neue Schulstruktur werden Schuler und Schulerinnen besser auf das Berufsleben vorbereitet und kommen mit guten Zukunftsperspektiven in den Unternehmen an”, ist sich Dr. Thomas Nix sicher. Er ist Grundsatzreferent in der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung.

Die Reform sorgt zudem für eine neue Schullandschaft. Die neue Schulform der Integrierten Sekundarschule geht aus den bisherigen Realschulen, Hauptschulen und Gesamtschulen hervor und fuhrt auch zum Abitur. Daneben steht das Gymnasium zur Wahl. Alle Integrierten Sekundarschulen sind verpflichtet, in den Jahrgangsstufen sieben bis zehn als festen Bestandteil des Unterrichts praxisbezogenes Lernen anzubieten. „Das Rad wurde nicht neu erfunden, sondern die Räder greifen nun viel besser ineinander”, sagt Dr. Thomas Nix.

Die neue Schulstruktur bietet Schülern mehr Chancen als zuvor. „Schüler und Schülerinnen setzen sich durch das Duale Lernen früher mit der eigenen Berufswahl auseinander und erfahren, welche Eigenschaften in welchem Beruf wichtig sind”, weiß Nina Esmann. Sie ist Fachleiterin am Oberstufenzentrum Sozialwesen. „Der schulische Nachwuchs erlebt beispielsweise die Arbeit neben lauten Maschinen oder lernt die Hygienevorschriften im Gaststättengewerbe kennen.” Alle Praxisangebote für die Schüler werden in der Schule gemeinsam vorbereitet und später im Unterricht nachbereitet. „Nach meinen Erfahrungen zeigen sich Schüler und Schülerinnen viel motivierter, wenn sie wissen, wofür sie lernen”, stellt Nina Esmann fest. „Manche motiviert ein Lob im Betrieb sogar mehr als die Noten in der Schule.”

Für praxisbegabte Schüler, die mit dem Schulabschluss kämpfen, erhöht sich durch die neue Schulstruktur die Chancengleichheit. Sie werden ab der neunten Jahrgangsstufe in eine besondere Form des praxisorientierten Unterrichts eingebunden und können an bis zu drei Tagen außerhalb der Schule an Praxisorten lernen, um den Abschluss zu erreichen.

DOKUMENT-NR. 63614

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