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BERLINER WIRTSCHAFT FEBRUAR 2010

Berlin lebt doch nachts

Wirtschaftspolitisches Frühstück

Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber warnt vor Einschränkungen beim BBI-Flugbetrieb

Die immer wieder öffentlich an der Deutschen Lufthansa geäußerte Kritik, der Konzern engagiere sich in Berlin nur halbherzig, hatte off enbar Interesse geweckt. Zu einem Wirtschaftspolitischen Frühstück der IHK Berlin mit dem Lufthansa-Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Mayrhuber kamen rund 200 Gäste in das Ludwig Erhard Haus.

Und in gewisser Weise bestätigte der gebürtige Österreicher die Zurückhaltung der Kranich-Linie. Obwohl Mayrhuber ein eindeutiges Bekenntnis zum Luftverkehrsstandort Berlin abgab, dämpfte er die Hoffnungen. Die Region Berlin- Brandenburg sei bisher wirtschaftlich zu schwach. Zwar sei die deutsche Hauptstadt als Reiseziel für viele Touristen interessant, aber das Passagieraufkommen sei zu gering, um die Luftdrehkreuze Frankfurt/Main und München abzulösen.

Gegenwärtig bieten die Lufthansa und die unter ihrem Dach fl iegenden Airlines 660 Flüge an. Zudem wickelt die „Star Alliance“, ein Airline-Verbund, an dem auch die Deutsche Lufthansa beteiligt ist, 95 weitere Flüge ab. Darüber hinaus unterhält der Konzern in Berlin- Schönefeld ein Simulationszentrum zur Aus- und Weiterbildung von Piloten. Insgesamt sind in der Hauptstadt-Region 3500 Mitarbeiter bei Deutschlands Airline Nummer 1 beschäftigt. In Berlin streitet sich die Deutsche Lufthansa allerdings mit Air Berlin um den Titel des Platzhirschen. Denn bei der Sitzplatzzahl pro Woche liegt Lufthansa mit 84 000 Sitzen knapp hinter dem größten Konkurrenten.

Mit der Eröffnung des neuen Flughafens Berlin Brandenburg International (BBI) im kommenden Jahr sieht Mayrhuber jedoch die Chancen Berlins im Flugverkehr weiter wachsen. Der neue Airport ermögliche dann auch Umsteigeverkehr, was derzeit aus baulichen und logistischen Gründen kaum möglich ist. Vor diesem Hintergrund warnte Mayrhuber die Politik davor, dem Luftverkehr zu große Beschränkungen aufzuerlegen. Das betreffe insbesondere das Nachtflugverbot auch in Berlin. Das sei nicht nachvollziehbar: „Berlin lebt doch nachts, warum muss man dann den Flughafen nachts zumachen?“, kritisierte der Lufthansa-Chef die Behörden und erhielt dafür den Beifall der Gäste.

Mayrhuber verwies darauf, dass die Maschinen immer leiser und umweltfreundlicher geworden seien. Heutzutage bleibe der Lärm am Flughafen, der Lärm anderer Verkehrsträger sei viel größer: „Ein A 380 ist so was von beruhigend.“

Der Lufthansa-Chef warnte eindringlich davor, die Rahmenbedingungen für die Airlines am Standort Deutschland zu verschlechtern. Aufgrund der anhaltenden Finanz- und Wirtschaftskrise sei im Frachtbereich ein Drittel des Erlöses weggebrochen, und bei der Passagierbeförderung habe es einen Preisverfall von 20 Prozent innerhalb eines Jahres gegeben. Dennoch sei es mit Hilfe der Sozialpartner und mittels Kurzarbeit gelungen, ohne Entlassungen von Mitarbeitern auszukommen. „Auf uns ist auch in Zukunft Verlass, auch wenn wir derzeit durch schwere Gewitter fliegen“, gab sich Mayrhuber optimistisch. Die Lufthansa werde weiterhin breit gefächert agieren und ein Vollsortiment anbieten. Doch dafür müsse es entsprechende Voraussetzungen geben, zum Beispiel eine effizientere Flugsicherung in Europa oder Kapazitätserweiterungen auf den Flughäfen, ohne dass damit Einschränkungen beim Nachtflugbetrieb verbunden seien.

Weiter verwies Mayrhuber darauf, dass von den Lufthansa- Kunden nur noch 28 Prozent Deutsche seien: „Der Heimatmarkt ist Europa, aber die Welt der Wachstumsmarkt.“ So würden sich die wirtschaftlichen Gewichte immer stärker nach Asien verschieben. IHK-Präsident Dr. Eric Schweitzer dankte dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Lufthansa für dessen persönliches Engagement für Berlin. Zum einen werbe die Lufthansa in den Bordmagazinen kontinuierlich für die Bundeshauptstadt. Zum anderen werde auf Initiative von Mayrhuber in diesem Jahr die Jahreshauptversammlung der International Air Transport Association (IATA) in Berlin stattfinden. Dabei handele es sich um die bedeutendste Airline-Veranstaltung der Welt.

Zur Person
Seit 39 Jahren steht der aus Oberösterreich stammende Wolfgang Mayrhuber in Diensten der Deutschen Lufthansa. Nach Karrierestationen in der Techniksparte wurde der Maschinenbau- Ingenieur 2001 Mitglied des Konzernvorstands. Zwei Jahre später übernahm er von Jürgen Weber den Vorstandsvorsitz, sein 2005 verlängerter Vertrag läuft dieses Jahr aus. Einen Verbleib an der Unternehmensspitze über 2010 hinaus hat der 62-Jährige ausgeschlossen. Mayrhuber ist auch Mitglied diverser Aufsichtsräte, darunter der Frankfurter Fraport AG, der Münchner Rück und der BMW AG.

Holger Lunau

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