„Kurz davor, den Zug zu verpassen“

Thomas Alva Edison, dem Gründer von GE, werden einige schöne Zitate zugeschrieben. Eines lautet: „Zeig’ mir, was die Welt braucht und ich erfinde es.“ Der amerikanische Unternehmer hat zahllose Patente entwickelt, die noch heute unseren Alltag bestimmen. Besonders die Erfindung der Glühbirne brachte ihm Weltruhm. „Das wirtschaftliche Potenzial dieser Erfindung erkannte auch ein Deutscher“, schlägt  IHK-Präsidentin Dr. Beatrice Kramm in ihrer Begrüßung die Brücke zu der traditionellen Verbindung von GE und Berlin: „Als Edison sein neues Produkt 1881 auf einer Messe präsentierte, kam Emil Rathenau auf ihn zu, der Vater des späteren Außenministers Walther Rathenau. Rathenau, selbst Ingenieur, erkaufte sich von Edison das Recht, die Glühbirne auf den deutschen Markt zu bringen und gründete die bekannte Berliner Firma AEG.“
Während der Betrieb von AEG 1996 eingestellt wurde, zählt GE heute mit 300.000 Mitarbeitern weltweit zu den größten Unternehmen und feiert in diesem Jahr 125-jähriges Bestehen. „GE hat in dieser Zeit viele industrielle Umbrüche miterlebt“, so Stephan Reimelt, „aber wir haben in den letzten sechs Jahren die mit Abstand größte Transformation unserer Firmengeschichte vollzogen.“ Mit dem Ziel der Fokussierung auf die Kernbranchen Energie, Healthcare und Luftfahrt hat es eine radikale Portfolio-Umschichtung gegeben, indessen Zuge u.a. der Verkauf von GE Capital als viertgrößte Bank Amerikas sowie die Übernahme der Alstom-Energie-Sparte und der damit verbundenen Integration von 65.000 Mitarbeitern stand. Außerdem hat GE ein Digitalgeschäft aufgebaut, mit dem 2016 bereits sechs Milliarden Dollar Umsatz generiert wurde.
„Die Entwicklung in den vergangenen zehn Jahren ist dramatisch und hat uns dazu geführt, unsere Geschäftsmodelle anzupassen.“ Reimelt spricht sogar von „tektonischen Veränderungen“ und zeigt diese auch anhand seiner Firma: 2005 war GE das größte Industrieunternehmen der Welt, ist heute an der Börse von Facebook überholt worden – einem Unternehmen, das erst vor 13 Jahren gegründet wurde. Alleine die Marktkapitalisierung von Apple, Amazon, Google und Facebook ist im Jahr 800 Milliarden Dollar größer als der gesamte Dax 30. Das Beispiel zeige, dass die deutsche Industrie aufpassen muss, den Zug der digitalen Transformation nicht zu verpassen. Der GE-Chef nennt dafür folgende Ansatzpunkte:
  • Deutschland ist besonders gut darin, Herstellungsprozesse zu optimieren und zu automatisieren. Wer aber glaubt, dass Digitalisierung nur eine fortschreitende  Automatisierung unserer Prozesse ist, irrt gewaltig, mahnt der GE-Chef. Für ihn liegt die Definition von Digitalisierung in der Verbindung von IT und OT, also Operational Technology. Dazu gehören Technologien wie Sensorik, Datenerfassung, Datenverarbeitung und Datenanalytik, mit dessen Einsatz erhebliche Optimierungen und Produktivitätssteigerungen zu erreichen sind. Der Schub kommt dabei nicht von der Automatisierung alleine, sondern vor allem davon, Big Data verarbeiten zu können und in neuen Geschäftsmodellen zu denken.
  • Die Fabrik der Zukunft definiert sich neu. Die Wirtschaft muss lernen, dass dies weit über den Herstellungsprozess hinausgeht. Heute gibt es einen größeren Erlösstrom durch Serviceleistungen und das Betreiben der Anlage, als durch den Bau einer Anlage. Der Kunde möchte den Outcome kaufen, nicht die Maschine – also beispielsweise den Strom selber und nicht die Turbine, so Reimelt.
  • Wer sich in seiner Comfort-Zone ausruht oder gar versucht, sein altbewährtes Geschäftsmodell zu verteidigen und immer weiter zu optimieren, wird keine Chance haben. Öffnung, Vielfalt und Partnerschaften sind im Zuge der Transformation unerlässlich.
  • Der Einstieg von GE in die Digitalisierung vor sechs Jahren hat sich vor allem daraus ergeben, dass plötzlich und unerwartet neue Wettbewerber aufgetaucht sind. „Die Start-ups hatten wir nicht auf dem Schirm. Heute wissen wir, dass weniger Gefahr von unseren großen Wettbewerbern ausgeht, mit denen wir in einem gesunden Wettbewerb stehen, als von den Unbekannten, die uns an sensiblen Stellen angreifen, mit dem wir nicht rechnen.“ Es gehe also darum, so Reimelt weiter, wachsam zu sein, schnell zu reagieren und gleichfalls neue Geschäftsmodelle in disruptiven Märkten zu entwickeln.
Tim Brandt