Kunterbunt

Eigentlich wollte Jan Thomas für seinen Blog Berlin Valley zehn Unternehmer zum Standort Berlin befragen. Rausgekommen ist ein gedrucktes Magazin mit 180 Seiten und einer Aufl age von 12 500 Stück, in dem hundert tonangebende Szeneköpfe ihre Sicht auf die Online-Hauptstadt erläutern.
„Viele Leute haben mich gefragt, ob ich total bescheuert sei. Ein Printproduktfür die ,digitale‘ Szene zu machen – und auch noch ohne Finanzierung? Völlig absurd! Aber es hat sich einfach gut angefühlt, aus dieser Idee ein gedrucktes Heft zu machen“, erzählt der Neuverleger fast entschuldigend die Entstehungsgeschichte von „The Hundert“. Thomas ist sich sogar sicher, dass die Mehrzahl der Protagonisten nur mitgemacht hat, weil es sich dabei um ein Printmagazin handelt – ein abgeschlossenes Werk, das zudem durch seine Haptik eine ganz andere Wertigkeit besitzt. Und richtig, das Experiment ging auf. Die Resonanz auf das Magazin war so gut, dass sich Thomas und sein Partner Konstantin Iwanow entschieden haben, eine zweite Ausgabe von „The Hundert“ zu produzieren.
Im Gegensatz zum ersten Heft, bei dem es um den Medien- und Digitalstandort Berlin ging, dreht sich jetzt alles um Start-ups: „Wir haben 100 spannende Berliner Jungunternehmen ausgewählt, die sich und ihr Produkt auf einer Seite präsentieren.“ Wesentliches Auswahlkriterium war neben einer gewissen Skalierbarkeit und Innovationskraft der Startups vor allem das Ziel, die Vielfalt des Berliner Ökosystems abzubilden. „Die bunte Mischung ist es, was die Start-up-Metropole Berlin ausmacht. Berlin wird nie ein Tech-Hub wie das Silicon Valley werden. Die Unterschiede sind ungefähr so groß wie die Entfernung von der Erde zum Mond. Aber Berliner Start-ups leben von den unterschiedlichen Einflüssen, welche die Hauptstadt zu bieten hat: Design, Mode, Musik, Film und alle anderen kreativen Bereiche und Branchen.“
Und so vielfältig sind auch die Unternehmen und ihre Produkte, die Jan Thomas und sein Team ausgewählt haben: Von der Deutsche-Wirtschafts-Nachrichten.de (Medien) über Trademob (Mobile Werbung), Ubermetrics (Social Analytics), Auctionata (Online-Auktionen) bis hin zu Lendico (P2P-Banking),dem neuesten Projekt von Rocket Internet. Aber Thomas hat noch ein weiteres Anliegen, was ihm besonders am Herzen liegt: „Alle reden und schreiben von Berlin als der großen Start-up-Metropole. Aber das gilt nur innerhalb des Ökosystems. Alle anderen, die nicht mit dem Thema beschäftigt sind, haben vielleicht schon mal davon gehört, aber die Mehrheit weiß wahrscheinlich gar nichts damit anzufangen.“
Um das Thema Start-ups allgemein mehr bekannt und auch den Nutzen ihrer Innovationen für jeden deutlich zu machen, werden in „The Hundert“ auch viele Produkte vorgestellt, die alltägliche Probleme lösen: z.B. Kinderfee, eine Plattform zum Finden vertrauenswürdiger Babysitter, Laremia, wo man sich teure Designerkleider leihen kann, statt diese zu kaufen – oder die bierernst gemeinte Spätifinder-App mit dem augenzwinkernden Namen „Durst“.
The Hundert“ über die kunterbunte Start-up-Hauptstadt erscheint pünktlich zur Berlin Web Week am 5. Mai. Und Blattmacher Jan Thomas freut sich schon auf den Moment, in dem er das druckfrische Magazin zum ersten Mal in den Händen hält: „Ein tolles Gefühl und ein schöner Lohn für die ganze Leidenschaft und Arbeit, die man in das Projekt gesteckt hat! Aber auch ziemlich aufregend, schließlich kann man im Gegensatz zu Online im Print Fehler im Nachhinein nicht mehr korrigieren. Gerade bei der ersten Ausgabe hat uns das schon ziemlich nervös gemacht – aber bis auf Kleinigkeitenist zum Glück alles gut gegangen.“
Tim Brandt
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Artikel der Mai Ausgabe 2014zum Archiv