Titelthema der Berliner Wirtschaft: Wenn aus Sonne Eis wird

Anders denken, anders handeln, anders steuern“, das ist der Leitsatz von Maria Reinisch, Vorsitzende von „Meine Energie für meine Stadt“, wenn es um den Weg Berlins zur klimaneutralen Metropole im Jahr 2050 geht. Gemeinsam mit Topmanagern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik möchte die Initiative dabei helfen, die Stadt planvoll in eine klimaneutrale Zukunft zu führen. „Wir wollen die erneuerbaren Energien stärker, bewusster und intelligenter in das Gesamtsystem integrieren und dabei die bestehenden Infrastrukturen nutzen“, so Reinisch. „Wenn alle unsere Ideen umgesetzt werden, entlastet das die EEG-Umlage und damit die Energiekosten.“ In Summe könnten so zehn Prozent des durchschnittlichen Stromverbrauchs von Berlin flexibilisiert werden, was dem Energieverbrauch einer mittleren deutschen Großstadt entspricht.
Initiativen wie diese sind wichtiger denn je. Das zeigen folgende Zahlen: Alle 24 Stunden verbraucht die Menschheit 15,2 Mrd. Liter Erdöl. Diese Menge würde einen Güterzug füllen, der vom Süden Italiens bis zum Nordkap reicht. 14 der 15 wärmsten Jahre seit Beginn flächendeckender Messungen liegen im 21. Jahrhundert. Der weltweite Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) ist seit 1990 um 60 Prozent angestiegen. Fest steht: Klimaschutz ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Nur durch Zusammenarbeit und Anstrengungen von Politik, Wirtschaft und jedem Einzelnen können ehrgeizige Klimaschutzziele erreicht werden. Berlin hat das Ziel ausgegeben, bis 2050 die Gesamtsumme der CO2-Emissionen im Vergleich zu 1990 um mindestens 85 Prozent zu verringern.
Ein zentrales Handlungsfeld auf dem Weg dorthin ist die Energieversorgung, die in Berlin zu mehr als 90 Prozent immer noch durch fossile Energien gedeckt wird. Einer der wichtigen Akteure in der Hauptstadt ist dabei Vattenfall. „Für die Energiewende brauchen wir in Zukunft vor allem eine Wärmewende - also die klimaneutrale Ausgestaltung der Wärmeversorgung“, erklärt Gunther Müller. „Der wichtigste Hebel für die Wärmewende liegt in der Wärmerzeugung“, ergänzt der Vorstandsvorsitzende der Vattenfall Wärme AG. Das Unternehmen plant unter anderem bis zum Jahr 2030 die Erzeugung von Wärme unter dem Einsatz von Strom, auch unter dem Begriff Power to Heat bekannt, für die Fernwärme weiter massiv auszubauen. So wird beispielsweise eine intelligente Kombination aus einer gasgefeuerten Fernwärme-Erzeugungsanlage und einem Wärmespeicher den Steinkohleblock des Heizkraftwerks Reuter in Siemensstadt ersetzen.
Immer wichtiger wird bei der Wärmewende nach Ansicht von Müller die gemeinsame Lösungsfindung auf lokaler Ebene. „Sehr hilfreich sind dabei Quartier- Workshops“, so der Vattenfall-Manager. „Gemeinsam mit der TU Berlin, anderen Infrastruktur-Unternehmen und lokalen Akteuren setzen sich bei diesen Workshops alle gemeinsam an einen Tisch und spielen verschiedene Szenarien künftigen Kiez-Lebens durch: Wo brauchen die Bewohner wie viel Energie?  Was für Bedürfnisse haben die Gewerbetreibenden? Und wie wollen wir uns im Quartier fortbewegen?“
Nicht nur eine veränderte Energieerzeugung mit einer starken Betonung der erneuerbaren Energien führt zu mehr Klimaschutz. Eine nachhaltige Strategie bezieht auch die Einsparung von Energie beziehungsweise die Steigerung von Energieeffizienz mit ein. Das gilt für sämtliche Bereiche, in denen Energie verbraucht wird: Gebäude, Verkehr, privater Konsum und Wirtschaft. „Die IHK Berlin bekennt sich in diesem Zusammenhang zum Prinzip ,Efficiency first‘ - dabei sollte sich die Energieeffizienzpolitik grundsätzlich an den Eckpfeilern von Technologieoffenheit, Freiwilligkeit und Wirtschaftlichkeit orientieren“, so Henrik Vagt. „Private und gewerbliche Verbraucher brauchen zielgerichtete Informationen und Investitionsanreize für energieverbrauchssenkende Maßnahmen, Vorhabenträger von innovativen Modellprojekten brauchen eine gezielte Projektunterstützung und Ansprechpartner in Politik und Verwaltung“, weiß der Experte der IHK Berlin.
Die Politik spielt nicht nur in diesem Punkt eine wichtige Rolle, insgesamt ist der Senat ein wichtiger Treiber für Energiewende und Klimaschutz. Planungen dazu finden sich in der Koalitionsvereinbarung. „In der Energiepolitik geht die Koalition mit der Einrichtung eines ,Steuerungskreises Energiewende‘ einen wichtigen Schritt, um die Umsetzung der Energiewende in Berlin besser zu koordinieren“, erläutert Vagt. „Mittelfristig sollen die Anregungen der Enquete-Kommission aufgegriffen werden, um eine bessere Organisation der Energiewende zu erreichen.“ Auch das Berliner Energie- und Klimaschutzprogramm (BEK) soll konsequent zur Umsetzung gebracht werden. Damit sind nach Meinung des IHK-Experten wichtige Forderungen der Wirtschaft aufgegriffen worden.
Das BEK ist ein Fahrplan zur Erreichung der Klimaziele. In dem Programm werden 107 Maßnahmen in den Handlungsfeldern Energie, Verkehr, Gebäude und Stadtentwicklung, Wirtschaft sowie private Haushalte und Konsum für den Umsetzungszeitraum bis 2020 und den Entwicklungshorizont 2030 genannt. „Bei der Umsetzung dieser Maßnahmen darf es keine Rosinenpickerei geben“, warnt Prof. Bernd Hirschl vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung. Das Handlungsfeld Gebäude ist nebendem Bereich Energie ein weitererwichtiger Schlüssel für das Erreichen derklimapolitischen Ziele Berlins. Gebäudestehen für 47 Prozent der CO2-Emissionenund liefern damit den größten Beitragzum urbanen Ausstoß von Treibhausgasen. Aus Sicht der landeseigenen BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH ist die energetische Gebäudesanierungbeziehungsweise die Umsetzungvon Maßnahmen an der technischen Gebäudeausrüstung ein ganz wesentlicher Aspekt zur Reduzierung von CO2-Emissionen. „Auf den Dachflächenunserer Gebäude gibt es schon eine ganze Reihe von Photovoltaik- und Solarthermieanlagen“,erklärt BIM-Geschäftsführer Sven Lemiss. „Hier sind wir so selbstbewusst zu behaupten, dass es niemanden in Berlin gibt, der mehr Photovoltaik auf seinen Gebäuden installiert hat. Aber auch das wird zukünftig weiter ausgebaut, um die Klimaziele zu erreichen.“ So sollen nach dem aktuellen Plan ab Ende 2017 etwa der Friedrichstadtpalast, die Feuerwehrzentrale am Charlottenburger Nikolaus-Groß-Weg und mehrere Feuerwachen, alle sechs Gefängnisse, die Landesbibliothek in der Breiten Straße in Mitte sowie mehrere Oberstufenzentren
Strom vom eigenen Dach bekommen.
Eine klimaneutrale Metropole ist nur vorstellbar, wenn sich auch die vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen beteiligen. Schon heute zeigen Betriebe aus der Hauptstadt, wie man ambitionierte Energieeinsparungen realisieren und seine Treibhausgasemissionen senken kann. Ein gutes Beispiel dafür liefert die Florida Eis Manufaktur GmbH. Unter dem Motto „Wir machen aus Sonne Eis“ setzt das Unternehmen auf eine CO2-neutrale Herstellung. Umweltbewusstsein und Klimaschutz sind feste Bestandteile der Firmenphilosophie. „Natürlich wird der ökologische Bereich in unserer Marketing-Strategie stark berücksichtigt“, erklärt Inhaber Olaf Höhn. „Allerdings ist es auch meine feste Überzeugung, dass speziell mittelständische Unternehmer die Aufgabe gepaart mit der Ehrlichkeit haben sollten, in Bezug auf Umweltbewusstsein und Klimaschutz eine Vorreiterrolle einzunehmen.“
Im gesamten Produktionsbereich finden effiziente und umweltschonende Technologien Einsatz. So wird etwa zur Schockfrostung statt mit CO2 oder Strom mit Stickstoff gearbeitet. Zudem sorgt laut Höhn die bundesweit erste Groß-Tiefkühlzelle ohne Bodenheizung für gravierende Energieeinsparungen in der Manufaktur. Die Tiefkühlfahrzeuge sind mit einer so genannten eutektischen Plattenkühlung ausgestattet und werden nachts durch die firmeneigene Photovoltaik-Anlage mit Kälte aufgeladen. Auf diese Weise werden die Innenstädte von CO2-Emissionen entlastet. Nicht zuletzt bieten die neuesten Supermarkt-Tiefkühltruhen von Florida-Eis eine Mengenerfassung, um den Lieferverkehr im Rahmen der Logistik weiter zu verringern. Diese Anstrengungen honorieren auch die Kunden. „Die Nachhaltigkeit ist nicht nur bei den Chefeinkäufern ein großes Thema“, weiß Höhn. „Wir sehen natürlich, dass wir im Social Media-Bereich ein sehr großes Feedback bekommen.“
Wie freiwillige Initiativen beispielhaft zu Energieeffizienz und Klimaschutz beitragen, zeigt auch das Projekt „Null Emission Motzener Straße“. Ziel des von engagierten Unternehmen und Managern getragenen Projekts ist es, durch gemeinsame Aktivitäten die Nachhaltigkeitsbilanz des gesamten Standorts zu verbessern. „Wir bündeln so die Kraft und Kreativität für eine positive Standortentwicklung und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen“, sagt Ulrich Misgeld. Der Vorsitzende des UnternehmensNetzwerks Motzener Straße fügt hinzu: „Klimaschutz ist nicht schwer und macht Spaß!“ Bis 2050 möchte das Netzwerk 95 Prozent CO2 einsparen. Vieles wurde im Gewerbegebiet im Süden von Berlin in den vergangenen Jahren angestoßen, etwa die energetische Sanierung von Gebäuden, Energieeffizienz im Büro und Produktionsprozess oder Elektromobilität. „Überrascht hat uns, dass auch eine Hecke CO2 spart“, so Misgeld. „Ein Meter bringt eine Minderung von zehn Kilogramm CO2 im Jahr, also haben die Firmen viele hundert Meter Hecken gepflanzt.“
Ein weiteres Beispiel für innovative Lösungen liefert der Euref-Campus. In diesem Fall widmet sich sogar ein ganzes Stadtquartier den Themen Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und Klimaschutz. Mit seiner klimaneutralen Energieversorgung, dem intelligenten Energienetz, den energieeffizienten Gebäuden, der Erprobungsplattform für Elektromobilität und den zahlreichen Forschungsprojekten beweist der Campus, dass die Energiewende mach- und finanzierbar ist.
Die Idee ist auch auf andere Stadtquartiere übertragbar. „Das Konzept sollte jedoch immer auf die lokalen Gegebenheiten und Spezifika angepasst werden“, erzählt Reinhard Müller. „Daraus entscheidet sich, welche Möglichkeiten zur Energieeinsparung, zur Nutzung regenerativer Energien oder zum Einsatz von hocheffizienten Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen bestehen“, ergänzt der Vorstandsvorsitzende der Euref AG.
Insgesamt wünscht sich Müller, dass beim Thema Klimaschutz mehr passiert. „Es gibt viele Möglichkeiten, Energie effizient zu nutzen: Wechseln Sie Ihre herkömmlichen Leuchtmittel gegen LED, lassen Sie Pumpen, die älter sind als zehn Jahre, austauschen, das wird sogar mit bis zu 30 Prozent der Investitionskosten gefördert.“ Auch sei es sinnvoll, mehr als zehn Jahre alte Heizkessel auszutauschen. „Es gibt also viele Lösungen - fangen wir doch einmal damit an!“
Ein Schlüssel zum Erfolg ist gute Beratung. „Wer beim Klimaschutz etwas erreichen will, muss jedes Unternehmen – ob es sich um ein Restaurant, ein Krankenhaus oder einen Industriebetrieb handelt – mit wirtschaftlichen Argumenten überzeugen“, sagt Michael Geißler, Geschäftsführer der Berliner Energieagentur GmbH. Gut aufbereitete Informationen und zielgruppengerechte Beratung seien die Basis. „Aber die Unternehmen brauchen vor allem jemanden, der ihnen konkret in Fragen der Finanzierung, der Planung, dem Bau und Betrieb von technischen Anlagen zur Seite steht und Aufgaben abnimmt, die nicht zu ihrem Kerngeschäft gehören“, so Geißler.
Auf dem Weg zu einer klimaneutralen Hauptstadt können Berliner Unternehmen auch durch ihre Produkte und Dienstleistungen die Energiewende vorantreiben. Der Wirtschaft bieten sich große Potenziale, um von dem riesigen Zukunftsmarkt zu profitieren. „Die Green Economy ist ein wichtiger Wachstumsimpuls für Berlin, weil durch die lokalen, nationalen und internationalen Klimaschutzziele langfristig Investitionsanreize gesetzt sind“, erläutert Geißler. Aufgrund der einzigartigen Hochschul- und Forschungslandschaft in Verbindung mit einer innovativen mittelständischen Wirtschaft hat Berlin nach seiner Überzeugung die Chance, Hauptstadt für Energieeffizienz zu werden.
Zu den Berliner Akteuren der „Green Economy“ gehört die Geo-En Energy Technologies GmbH. Das Unternehmen ist amtierender Preisträger des bereits seit Anfang des Jahrtausends bestehenden Wettbewerbes „KlimaSchutzPartner des Jahres“. Die ausgezeichnete Energieanlage des Unternehmens nutzt die Kraft-Wärme-Kopplung und Geothermie, um die Bewohner eines Neubauprojekts in Pankow klimaschonend mit Wärme und Kälte zu versorgen. „Wir sehen darin ein Beispiel, wie die Wärmewende gelingen kann, ohne den Komfort der Bewohner zu beeinträchtigen und glauben, dass es viele weitere Anwendungsmöglichkeiten für diese Technik in Berlin gibt“, freut sich Geschäftsführer Nikolaus Meyer.
Er geht davon aus, dass sich die Energieversorgung weiter in Richtung dezentraler Lösungen, intelligenter Hybridsysteme für Wärme, Kälte und Strom und Gewinnung von Umweltenergie wandeln wird. „Geothermie wird dabei eine Schlüsselrolle spielen, da sie gleichermaßen als Energiequelle und als Energiespeicher eingesetzt werden kann“, so Meyer. „Als Geo-En entwickeln wir seit Jahren solche Systeme und haben uns vorgenommen, mit dieser Erfahrung eine zunehmende Rolle auf dem hiesigen Energiemarkt zu spielen.“ Die Chancen dafür stehen gut, sollten immer mehr Menschen in der Hauptstadt bereit sein, anders zu denken und anders zu handeln.
Jens Bartels
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