Titelthema der Berliner Wirtschaft: Gesunde Mischung

Es war ein Start-up, das der 24-jährige Karl Pfizer 1849 mit seinem Cousin Charles Erhart und geborgten 2.500 Dollar in New York gründete. Der Chemiker Pfizer, erst ein Jahr zuvor aus Baden-Württemberg eingewandert, fing damals mit der Produktion von Santonin an, einer Substanz gegen parasitäre Würmer. Heute gehört die Pfizer Inc. mit knapp 100.000 Beschäftigten zu den größten Pharmakonzernen der Welt – und profitiert nun ihrerseits von der Kreativität junger Start-up-Unternehmer.
Als die Pfizer Deutschland GmbH 2008 ihre Zentrale von Karlsruhe nach Berlin verlegte, war das ein wohlüberlegter Schritt. Der deutsche Konzernableger mit mehr als 2000 Mitarbeitern wollte das schöpferische und wissenschaftliche Potenzial der Hauptstadt für die Erforschung und Entwicklung moderner Arzneimittel nutzen – und hat den Umzug zu keiner Zeit bereut. „Wir hätten keine bessere Entscheidung treffen können“, sagt Peter Albiez, Vorsitzender der Geschäftsführung. „In Berlin sind wir in ein Umfeld gekommen, das für ein innovatives Forschungsunternehmen wie das unsere wie geschaffen ist.“
Allein die Zahlen der Gesundheitsregion Berlin-Brandenburg sprechen für sich: Fast 21.000 Unternehmen der Branche haben sich hier niedergelassen, darunter 30 Pharmaunternehmen, 300 Medizintechnik- und 240 Biotech-Betriebe. Es gibt über 130 Kliniken mit mehr als 35.000 Betten, darunter die Charité als größtes Uniklinikum Europas, 70 Reha-Einrichtungen, über 600 Pflegeheime und mehr als 1.200 Pflegedienste. Neben 24 Berliner und sieben Brandenburger Hochschulen mit über 200 fachbezogenen Studiengängen arbeiten viele außeruniversitäre Forschungseinrichtungen mit Schwerpunkt in den Lebenswissenschaften, darunter vier Max-Planck-Institute, zwei Leibniz- Institute und zwei Helmholtz-Zentren. Primär der Gesundheit verschrieben haben sich zudem neun Technologieparks, darunter der Campus Buch und das co:bios Zentrum Hennigsdorf. Insgesamt 360.000 Mitarbeiter zählt die regionale Gesundheitswirtschaft, die auf einen Umsatz von etwa 23 Mrd. Euro kommt.
„Dieser Standort ist einzigartig und steht Gesundheitsregionen wie Boston oder San Francisco in nichts nach. Vor allem um unsere Forschungslandschaft beneiden uns viele“, sagt Stefan Oelrich, Sprecher des Clusters Gesundheitswirtschaft Berlin-Brandenburg und beim Pharmakonzern Sanofi Leiter der Geschäftseinheit Diabetes & Herzkreislauferkrankungen in Europa (siehe Interview S. 16). Und Professor Erwin Böttinger, Vorstandsvorsitzender des Berlin Institute of Health (BIH), ergänzt: „Berlin ist höchst attraktiv für international renommierte Wissenschaftler.“ Sein BIH, das auch als Berliner Institut für Gesundheitsforschung firmiert und die Forschungskapazitäten der Charité und des Max Delbrück Centrums für Molekulare Medizin bündelt, hat gerade mit Elizabeth Blackburn eine Nobelpreisträgerin in den Wissenschaftlichen Beirat berufen können.
Das BIH ist eine von Bund und Land Berlin finanzierte Körperschaft des öffentlichen Rechts. „Hier wird erstmals in Deutschland universitäre, also klinische und patientenorientierte Forschung mit außeruniversitärer und grundlagenorientierter Forschung in einer eigenständigen Struktur miteinander verbunden“, betont Böttinger. Für diese sogenannte Translationale Forschung „gibt es hier einfach ideale Voraussetzungen: am Max-Delbrück- Centrum für Molekulare Medizin mit seiner herausragenden Expertise in biomedizinischer Grundlagenforschung und an der Charité, die klinische Forschung und Hochleistungsmedizin für eine große Zahl von Patientinnen und Patienten betreibt, sowie in der Industrie und der lebhaften Start-up-Szene.“
Wesentliches Merkmal für den Erfolg der Gesundheitsregion, heißt es in der Senatsverwaltung für Wirtschaft, sei der vorherrschende Innovationsgeist zwischen den ansässigen Forschungseinrichtungen und Unternehmen. Er ziehe Gründungswillige, Forschende und kreative Köpfe in die Metropole. Erwin Böttinger vom BIH kann das bestätigen: „Wir sind mit potenziellen Partnern aus der Wirtschaft – beispielsweise aus der Medizintechnologie, der Pharma- oder IT-Branche – im Austausch und sprechen dabei sowohl über projektbezogene Kooperationen und integrierte Forschungsteams als auch über strategische Kooperationen.“ Derzeit gehe es vor allem darum, gemeinsame Ziele zu definieren, Umsetzungsoptionen zu diskutieren und auch Finanzierungsmodelle zu besprechen.
Auch Pfizer-Deutschland-Chef Peter Albiez erfährt kaum noch Berührungsängste: „Ich erlebe offene Türen, die Bereitschaft zur Kooperation und sehr viel Engagement von vielen Beteiligten.“ Weil bei Pfizer für die Zulassung neuer Medikamente ständig klinische Studien mit Probanden laufen, arbeitet das Pharmaunternehmen nun mit dem Kreuzberger Start-up Viomedo zusammen. „Wir stellen auf unserer Plattform verständlich und in deutscher Sprache derzeit etwa 2000 Studien vor, an denen sich Patienten beteiligen können und somit neue Behandlungsmöglichkeiten erhalten“, sagt Gründer und Geschäftsführer Alexander Puschilov. Patienten, Angehörige und Ärzte sollen sich schnell, einfach und vollständig über laufende Arzneimittelstudien informieren können, um die passende zu finden. „Je mehr Patienten wir vermitteln“, so Puschilov, „desto schneller werden Studien abgeschlossen und neue Medikamente marktreif.“ Gemeinsam mit Pfizer habe man die Funktionen der Plattform weiterentwickelt und strebe nun eine Internationalisierung an.
Für solche Kooperationen startete Pfizer vor zwei Jahren sein Berlin Healthcare Lab. „Hier ist ein Raum geschaffen worden, wo wir unbürokratisch, flexibel und individuell mit Start-ups interagieren, die gemeinsamen Bedürfnisse abgleichen und dann zügig Projekte initiieren, die in die Realität umgesetzt werden“, sagt Peter Albiez. Nicht nur Pfizer oder Pharma- Konkurrent Bayer mit seinem Grants- 4Apps-Accelerator suchen diese Kontakte. „Kaum eine etablierte Firma ist heute noch nicht an einem Inkubator- oder Accelerator-Programm beteiligt, um den Austausch mit Start-ups und Forschern aus den Life Sciences zu fördern“, sagt Malte Behmer, IHK-Branchenkoordinator Gesundheitswirtschaft, „eine derartige Dichte an offenen Forschungs- und Entwicklungszentren ist in Deutschland einzigartig.“
Seit Anfang 2016 hat Pfizer zum Beispiel für die Jungunternehmer des dänischen Start-ups Cortrium Büroplätze am Potsdamer Platz reserviert. Sie entwickelten ein kleines digitales Gerät für die Messung und Überwachung von Vitaldaten, mit denen bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen frühzeitig erkannt werden können, und wollen es nun zusammen mit dem Pharmakonzern im deutschen Markt einführen.
Rund 100.000 Gesundheits-Apps gibt es bereits. Sie zählen Schritte, achten auf gesunde Ernährung oder erinnern an die Einnahme von Medikamenten. Und das Geschäft boomt. Gerade hat das Berliner Start-up Clue für die Weiterentwicklung seiner App zur Beobachtung von Zyklus und Menstruation 20 Mio. US-Dollar Risikokapital eingesammelt. „Berlin ist Impuls- und Taktgeber und der wohl attraktivste Standort für Start-ups im Digital Health-Bereich“, sagt Pfizer-Manager Albiez, der im Cluster Gesundheitswirtschaft Berlin-Brandenburg auch eine Patenschaft für den Komplex Digital Health & Big Data übernommen hat.
Das HealthCapital-Cluster, ein gemeinsames Projekt der Länder Berlin und Brandenburg, wird betrieben von der Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH und der ZAB ZukunftsAgentur Brandenburg GmbH und soll für eine noch stärkere Vernetzung zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Kliniken sorgen.
Aufgabe des Clustermanagements ist es, den Masterplan Gesundheitsregion der beiden Landesregierungen umzusetzen und den Standort auch international zum führenden Zentrum für Gesundheitswirtschaft und Life Sciences auszubauen. Cluster-Manager Kai Bindseil von Berlin Partner nennt als besonders gelungenes Beispiel für die Zusammenarbeit von Institutionen und Firmen des Clusters die Entwicklung eines Spezialrettungswagens für die sofortige Versorgung bei Schlaganfällen. „An der Entwicklung des Stroke- Einsatz-Mobils Stemo, ausgestattet mit Computertomografie und eigenem Labor, waren die Charité, die Berliner Feuerwehr und das brandenburgische Biotech-Unternehmen Meytec beteiligt, das die telemedizinische Zuschaltung eines Neuroradiologen per Videokonferenz ins Fahrzeug konzipiert hat“, so Bindseil.
Die Charité, die mit Tochterunternehmen fast 17.000 Mitarbeiter hat und zu den größten Arbeitgebern der Stadt gehört, profitiert häufig vom Ideenreichtum der Berliner Unternehmen. Als das Architekturbüro Graft einmal eine kindergerecht ausgestattete Zahnarztpraxis präsentierte, fragte die Charité an, ob Graft bei der Entwicklung eines intensivmedizinischen Pilotzimmers helfen könne. „Auf der Intensivstation wurden Patienten bislang abgeschirmt und tief sediert, damit sie die Ausnahmesituation ihrer kritischen Erkrankung gar nicht erleben“, sagt Charité-Arzt Alawi Lütz. Allerdings hätten Studien ergeben, dass derart ruhiggestellte Patienten häufiger sterben als wache. „Aber wenn Patienten nach einer OP in einem hochtechnisierten Zimmer aufwachen, kann das großen Stress verursachen – wir brauchten also eine radikale Lösung für dieses Problem.“ Die Lösung war eine „Parametrische (T)Raumgestaltung“ für zwei Zimmer im Charité Campus Virchow Klinikum.
Dort wurden alle technischen Geräte soweit wie möglich in den Hintergrund gerückt. Über Lichtdecken lassen sich zudem Lichtintensität und -temperatur individuell steuern, um den natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus zu unterstützen und Delirien zu reduzieren. Mit der Darstellung visueller Inhalte über die Lichtdecke wird eine Atmosphäre geschaffen, die Stress und Ängste mindern soll. Beteiligt an diesem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie geförderten Verbundprojekt waren nicht nur die Charité und Graft, sondern auch die Berliner Designagentur Art + Com. „Für uns war es hochinteressant, gemeinsam mit Anästhesisten, Psychologen oder Schlafforschern zu arbeiten“, sagt Joachim Quantz von Art + Com. „Wir wollten mit einem medialen Screen über den Patientenbetten Inhalte bereitstellen, die beruhigend wirken – die Psychologen rieten uns, keine scharfen Bilder abzuspielen, sondern weiche Formen und Farben“, so Quantz. „Und dann haben wir die Programme geschrieben, die diese Inhalte generieren, wie sie der einzelne Patient gerade braucht.“ Die Prototypen der Lichtdecken mit jeweils 15.400 LEDs wurden vom Elektronikkonzern Philips geliefert, der sie nun über eine Forschungskooperation mit der Charité auch in Serie produziert.
Dass Berliner Kliniken wie die Charité, das Deutsche Herzzentrum oder Vivantes International weltweit einen sehr guten Ruf genießen, beweist die kontinuierlich steigende Zahl von ausländischen Medizintouristen, die sich hier behandeln lassen. So wurden in den sieben internationalen Kliniken der sogenannten Benchmark-Gruppe 2014 etwas über 11.000 Patienten aus dem Ausland gezählt, 3,4 Prozent mehr als im Jahr zuvor. In der Potenzialstudie „Medizintourismus Berlin- Brandenburg 2015“, die im Auftrag des Clusters Gesundheitswirtschaft erstellt wurde, ermittelte man, dass sich pro Jahr 17.000 bis 21.000 internationale Patienten für eine Behandlung in der Hauptstadtregion entscheiden und damit erhebliche Erlöse für medizinische Einrichtungen, Hotellerie, Handel und Dienstleistungsunternehmen generieren. Besonders Gäste aus dem russischen und arabischen Raum sowie aus China schätzen die hervorragende medizinische Versorgung.
Von diesem Gesundheitstourismus profitiert auch Jürgen Goerißen, Geschäftsführer des Centrovital, das im historischen Quartier der ehemaligen Schultheiss-Brauerei in Spandau Hotel, Spa & Wellness, Ayurveda-Center und Gesundheitszentrum kombiniert. „Wenn beispielsweise ein ausländischer Patient im Waldkrankenhaus ein neues Knie oder bei Vivantes eine neue Hüfte eingebaut bekommt, dann wird er bei uns rehabilitativ behandelt“, sagt Goerißen, „und kann mit seinen Angehörigen auch hier wohnen.“ Zehn Prozent der Gäste sind Medizintouristen, vor allem aus dem arabischen Raum, Russland und der Ukraine. Der Großteil der Centrovital-Gäste – fast ausnahmslos aus Deutschland – nimmt von den Krankenkassen geförderte Präventionsmaßnahmen zur Gesundheitsvorsorge in Anspruch.
„Kaum eine Branche verfügt über so glänzende Zukunftsaussichten wie die Gesundheitswirtschaft“, sagt IHK-Experte Malte Behmer. „Neben der Alterung der Gesellschaft führt das steigende Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung zu einer ebenso steigenden Nachfrage nach Gesundheitsleistungen.“ Und die muss von findigen Unternehmern entsprechend befriedigt werden. Deshalb gibt es eine unglaublich große Bandbreite an Unternehmen –von Präventionsdienstleistern über mittelständische Medizintechnik- Produzenten bis zu hochspezialisierten Biotech-Firmen.
Dazu gehört auch die Celares GmbH, die im BiotechPark Campus Berlin-Buch biopharmazeutische Wirkstoffe modifiziert. Diese Wirkstoffe, eingesetzt beispielsweise bei schwer therapierbaren Erkrankungen wie Krebs, Rheuma oder Hepatitis C, werden meist injiziert und sind dann körpereigenen Abwehrmechanismen ausgesetzt, was zu allergischen oder Abstoßungsreaktionen führen kann. Werden diese Wirkstoffe mit Polymeren, zumeist mit Polyethylenglykolen (PEG), modifiziert, können diese Effekte weitestgehend abgestellt werden. „Durch die sogenannte PEGylierung werden die Biopharmazeutika mit einer Art Schutzhülle ausgestattet“, erläutert Günther Pätz, einer der drei Celares-Gründer, „und die sorgt dafür, dass die Wirkstoffe dort mit höchstmöglicher Aktivität im Körper ankommen, wo sie wirken sollen.“ Dies helfe, die Dosierung und die Nebenwirkungen deutlich zu verringern. Kunden von Celares sind vor allem internationale Pharmaunternehmen, für deren Wirkstoffe maßgeschneiderte Lösungen entwickelt werden.
Pätz, ehrenamtlich auch Vorsitzender des IHK-Ausschusses Gesundheitswirtschaft, kann den Standort seiner Firma nur empfehlen: „Der BiotechPark in Buch ist in Berlin die erste Wahl für neu gegründete wie auch für gestandene Unternehmen der Biotechnologie – er hat uns den Aufbau des Unternehmens sehr erleichtert.“ Der Betreiber, die BBB Management GmbH, stelle nicht nur Labore und Büros, sondern auch zentrale Versorgungs- und Entsorgungsdienstleistungen bereit. „Als mittelständisches Unternehmen profitieren wir nun von der Gemeinschaft auf dem Campus Buch, wo wir für jede unternehmerische Herausforderung einen lösungsorientierten Partner für alle Fragen haben oder vermittelt bekommen.“
Der Campus Buch gilt als eines der Herzstücke der Gesundheitshauptstadt Berlin. Beispielhaft verbindet er Grundlagen- mit klinischer Forschung und unternehmerischer Anwendung. Hier sind das Max Delbrück Centrum für Molekulare Medizin und das Leibniz-Institut für Molekulare Pharmakologie ansässig, die Charité mit klinischen Forschungseinrichtungen, die Akademie für Gesundheit und diverse Kliniken wie das Immanuel- Krankenhaus oder die Helios-Klinik, außerdem der BiotechPark mit dem Gründer- und Innovationszentrum – und mit 41 Firmen über 50 Prozent aller Biotech- Unternehmen Berlins.
„Die Stadt hat insgesamt eine tolle Entwicklung genommen und entwickelt sich immer noch weiter“, sagt Pfizer-Manager Peter Albiez, „und zwar mit einer hohen Dynamik.“ Er glaubt, dass die wissenschaftliche Kraft, die Berlin auszeichnet, sogar noch stärker in Wirtschafskraft umgesetzt werden kann. Wichtig dafür sei, dass die Politik gemeinsam mit führenden Vertretern aus Wirtschaft und Wissenschaft eine Vision entwirft, die prägnant beschreibt, wie die Kompetenzen in Berlin gebündelt werden können, um weltweit ganz vorn dabei zu sein. „Und da müssen die Berliner mitgenommen werden, um ihnen klar zu machen, wie bedeutend die digitale Zukunft für ihre Stadt ist – und damit auch für ihr Wohlergehen.“
Almut Friederike Kaspar
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