Titelthema der Berliner Wirtschaft: Innovative Erfolgsrezepte

Der Materialwissenschaftler Bradley Tinkham und der Elektroingenieur Andreas Häger tragen ein transparentes Metalloxid auf eine Glasscheibe auf und setzen es unter Strom. Beide tüfteln weiter – bis sich die Scheibe bei 220 Volt erwärmt. Sie haben es geschafft, ein Fenster zur Heizung umzufunktionieren. Die leitfähige Schicht ist tausendfach dünner als ein Haar und auf dem Glas nicht zu sehen. „Wird diese unsichtbare Schicht mit Strom versorgt, entsteht steuerbare Wärme, die mit einem hohen Wirkungsgrad an den Raum abgegeben wird“, sagt Kauffrau Wiebke Kropp-Büttner, die mit Tinkham und Häger das Start-up Vestaxx gründete.
Joschka Friedag studierte an der Technischen Universität (TU) und saß mit befreundeten Kommilitonen in einer Kneipe. Einer zahlte für alle und musste hinterher das Geld mühsam wieder einsammeln. Warum, fragte sich Friedag, kann man solche Beträge nicht einfach von Handy zu Handy überweisen? Er schuf mit drei Freunden eine App, über die bis zu 250 Euro pro Monat wie SMS-Kurznachrichten übermittelt werden können – ohne Kontodaten, ohne TAN-Nummern. Ihr Start-up Cringle fand mit der Deutschen Kreditbank AG (DKB) mit Hauptsitz in Berlin schnell einen renommierten Partner.
Weil vor allem Kinder und alte Menschen Medikamente oft nicht schlucken können, entwickelte ein Team um den Chemiker Dr. Sam Dylan Moré winzige Transporter – sogenannte dentritische Nanocarrier –, die Wirkstoffe über Salben oder Gele durch die Haut gelangen lassen und im Körper dorthin bringen, wo sie gebraucht werden. Um sie produzieren und vermarkten zu können, wurde die DendroPharm GmbH als Spin-Off aus der Freien Universität (FU) gegründet. Das Unternehmen gehörte vergangenes Jahr zu den fünf Preisträgern des Innovationspreises Berlin-Brandenburg.

Dynamische Standortentwicklung

Die Fensterscheibe als Heizung, die Smartphone-Überweisung und die Medikamenten- Transporter sind nur drei von vielen neu- und einzigartigen Produkten, die Berlin zur Metropole der Innovationen gemacht haben. „Als Wirtschafts- und Innovationsstandort hat die Hauptstadt eine deutlich dynamischere Entwicklung vollzogen als viele andere Regionen Deutschlands“, sagt Nicolas Zimmer, Vorstandsvorsitzender der Technologiestiftung Berlin, „denn nach unserer aktuellen Innovationserhebung lag der Anteil der Unternehmen, die im Jahr 2015 erfolgreich neue Produkte und Dienstleistungen eingeführt haben, erneut über dem Vergleichswert der deutschen Wirtschaft insgesamt.“ Von den kleinen und mittelständischen Firmen waren in Berlin 33 Prozent innovativ, in ganz Deutschland nur 15 Prozent.
Dr. Marion Haß, Geschäftsführerin Wirtschaft & Politik bei der IHK Berlin, verweist zudem auf einen neuen Rekord: „Die innovativen Unternehmen der Stadt haben 2015 die Summe von 3,5 Mrd. Euro in Forschung und Entwicklung investiert – eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr um 15 Prozent. Die bundesdurchschnittliche Steigerungsrate lag im selben Zeitraum bei acht Prozent, was auch schon ein beachtlicher Wert ist.“ Nur die Umsätze mit Produktneuheiten sind mit 11,5 Mrd. Euro im Vergleich zum Vorjahr leicht rückläufig und liegen nun leicht unter dem deutschen Durchschnitt. Das führt Professor Knut Blind, Innovationsökonom an der TU, darauf zurück, dass in Berlin auch viel Grundlagenforschung betrieben wird – „und da sehen Sie nicht so schnell den wirtschaftlichen Erfolg“.
Mit vier Universitäten, sieben Hochschulen, vier Kunsthochschulen, 23 staatlich anerkannten privaten Hochschulen, 22 Technologieparks und Gründerzentren sowie 70 außeruniversitären Forschungsstätten bietet Berlin den Unternehmen optimale Bedingungen für Forschung und Entwicklung. Damit Wissenschaft und Wirtschaft zusammenfinden, gibt es diverse Hubs, Labs und Spaces, unterstützt die Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH kleine und mittlere Unternehmen beim Einsatz innovativer Technologien und vermittelt Kontakte zu Forschern und Wissenschaftlern.

IHK Berlin fördert Vernetzung

Auch die IHK Berlin fördert die Vernetzung. „Uns ist generell die intensivere Zusammenarbeit von Unternehmen – seien sie jung oder erfahren – mit der Wissenschaft im Bereich Forschung und Entwicklung ein Herzensanliegen“, sagt Dr. Constantin Terton, IHK-Bereichsleiter Fachkräfte & Innovation. „Deshalb engagieren wir uns im Institut für angewandte Forschung und treiben mit Bildungsprojekten wie Inkulab, Humboldts Wagniswerkstatt oder dem StarTUp Lab an der TU den Wissens- und Technologietransfer voran.“
Zudem habe man die Online-Plattform marktreif.berlin initiiert, bei der IHK, Berlin Partner mit dem Science Navigator und die Handwerkskammer an einem Strang ziehen: „Hier können Unternehmen und wissenschaftliche Einrichtungen ihre Kompetenzen zeigen, sich vernetzen und über Kooperationen betriebswirtschaftlichen Mehrwert schaffen“, so Terton weiter. Das Spektrum möglicher Zusammenarbeit reiche von Abschlussarbeiten von Studierenden, Forschungsprojekten, Auftragsforschung über gemeinsame Produktentwicklung, handwerkliche wie technische Dienstleistungen bis hin zum Prototypenbau oder der Nutzung spezieller Labor- und Messtechnik. So sei marktreif. berlin ein bundesweit einmaliges Instrument der Wirtschafts- und Innovationsförderung, das den Standort stärke.
Den Anteil der Ausgründungen aus Berliner Hochschulen beziffert Nicolas Zimmer auf etwa 20 Prozent: „Die haben nicht immer einen wissenschaftlichen Kern – häufig ist es auch so, dass jemand während des Studiums eine gute Idee hatte und sich dann für die Gründung beraten, coachen und fördern lässt.“ Wie das Start-up Cringle mit seiner Überweisungs- App, das zunächst über die TU an ein Exist-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums kam und dann vom Berliner Microsoft Ventures Accelerator unterstützt und von Geldgebern wie der Investitionsbank Berlin finanziert wurde. „Für uns als Fintech-Start-up war klar, dass wir mit Banken zusammenarbeiten wollten“, sagt Cringle-Mitgründer Malte Klussmann, „und deshalb sind wir auf die DKB zugegangen, weil diese Bank wie Cringle den digitalen Zahlungsverkehr vorantreiben will.“
Nach einem Kick-off-Meeting waren die Verantwortlichen der DKB – 3.200 Mitarbeiter und 76 Mrd. Euro Bilanzsumme – zur Kooperation bereit. „Uns hat die Lösung, die uns die Jungs von Cringle gezeigt haben, echt überzeugt“, sagt Vorstandsmitglied Tilo Hacke, „und nicht nur viele unserer Kunden, sondern auch Mitarbeiter der DKB sind mittlerweile Nutzer der App.“ Cringle hatte eine Plattform für die Zahlungsabwicklung gefunden, und die Bank konnte ihren Kunden ein innovatives Instrument offerieren. „Wir haben drei Millionen Kunden, die genau diesen Bedarf haben“, weiß DKB-Mann Hacke, „und für Cringle wäre es wahrscheinlich schwer gewesen, auf einen Schlag mal eben drei Millionen Kunden zu akquirieren“ – eine erfolgreiche Partnerschaft.
„Die Kooperation zwischen etablierten Mittelständlern und Start-ups birgt große Chancen für beide Seiten“, sagt Dr. Marion Haß von der IHK Berlin, „der Mittelstand profitiert von unkonventionellen Strukturen, frischem Innovationsgeist und Know-how, während die gestandenen Unternehmen ihre Produktions- und Vertriebsstrukturen sowie jahrelange Erfahrung in die Waagschale werfen – eine Win-win-Situation für alle Beteiligten.“ Auch Dr. Sam Dylan Moré von Dendro- Pharm rät anderen Start-up-Gründern, mit Mittelständlern zusammenzuarbeiten, „weil das Kooperationen auf Augenhöhe sind“. Kleine Firmen seien zudem durch kürzere Wege eher in der Lage, Innovationen schnell umzusetzen.
In der stark regulierten Pharma- Branche, so Moré, sei Schnelligkeit aber eher ein Fremdwort: „Sowohl menschliche als auch tierische Arzneimittel müssen vor der Marktzulassung eine Erprobung in klinischen Feldstudien durchlaufen, damit sichergestellt ist, dass diese Medikamente keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen hervorrufen.“ Dann müsse die richtige Dosierung gefunden werden. „Das braucht Zeit und frisst Geld.“ 400.000 Euro eigene Ersparnisse steckten der frühere Unternehmensberater und ehemalige Kollegen in die Firma, weitere 850.000 kamen über ein Gründerdarlehen, Fördermittel und die Investition eines Business Angels herein. Gerade im Life- Science-Bereich, wo die Innovationszyklen vergleichsweise lang sind, kann sich Moré auch eine zweite geförderte Finanzierungsrunde vorstellen, um nicht auf halber Strecke aufgeben zu müssen. DendroPharm kooperiert hier mit der Charité im Bereich Schmerzforschung – gemeinsam wurde ein Nano-Opiat entwickelt, das nicht süchtig macht.

Gründung auf dem Campus

DendroPharm, 2013 gegründet, logiert immer noch auf dem Campus der FU, im Gebäude des Fachbereichs Physik an der Arnimallee. Hier stellte Profund Innovation, die zentrale Service-Einrichtung für den Wissens- und Technologietransfer an der FU und Mitglied im B!Gründet-Netzwerk der Berliner Hochschulen, der jungen Firma Räume zur Verfügung. Für die Zukunft plant Moré eine Fertigungsstätte in Berlin- Adlershof, „wo wir Arzneimittel mit unseren Nanocarriern selbst herstellen und abfüllen können“. Am neuen Standort soll das elfköpfige Team dann um 20 weitere Mitarbeiter verstärkt werden.
„Berlin ist ein Hotspot für Chemie“, sagt Sonja Jost, „weil wir hier eine weltweit anerkannte Forschungslandschaft mit dem einzigen Exzellenz-Cluster Katalyse in Deutschland haben.“ Die Gründerin des Vorzeige-Start-ups DexLe- Chem hat an der TU ein patentiertes Verfahren entwickelt, um bei der Produktion chemischer Stoffe Erdöl durch Wasser zu ersetzen – eine bahnbrechende Innovation, die Produktionsprozesse billiger und ökologischer macht. Ihre Firma ist im CoLaborator des Pharmakonzerns Bayer HealthCare in Wedding untergekommen. Dieser Inkubator – eine Art Brutkasten für naturwissenschaftliche Start-ups – sei für DexLeChem der ideale Ort, so Jost, „um unser junges Unternehmen zu internationalisieren und unsere Entwicklungsangebote im Bereich der Grünen Chemie stetig zu erweitern“. Sie freut sich, dass es auf dem TU-Campus einen weiteren Inkubator für Vorgründungsprojekte der Grünen Chemie gibt: das von der Berliner Wirtschaft finanziell geförderte Inkulab.
Einen Mix aus Inkubator und Innovations- Lab hat auch Schleicher Electronic eingerichtet. Das Unternehmen entwickelt und produziert elektronische Komponenten und Steuerungssysteme für die Automatisierungstechnik. „Damit sind wir Lieferant vor allem für Maschinen- und Anlagenbauer“, sagt Geschäftsführer Sven Dübbers, „aber die meisten unserer Kunden sitzen nicht im Umfeld von Berlin, sondern in Baden-Württemberg, Nordrhein- Westfalen oder Bayern.“ Dübbers machte den Standortnachteil zum Vorteil: „Da wir hier eine sehr lebendige Start-up- Szene mit sehr gut ausgebildeten Ingenieuren haben, kam uns die Idee, das auch für uns zu nutzen.“ In den Schleicher Incubator Zoom Zone Labs (Sizzl) auf dem Betriebsgelände in Schöneberg arbeiten fünf Elektronik-Start-ups. „Die können hier ihre innovativen Produkte in einem professionellen Umfeld entwickeln und dabei jederzeit auf das Know-how unseres erfahrenen Entwicklerteams zurückgreifen“, so Dübbers. Seine Entwickler könnten gleichzeitig umgekehrt von der Kreativität der Jungunternehmer lernen – „eine Win-win-Situation, aus der vielleicht auch langfristige Partnerschaften werden“.
In ähnlicher Weise profitierte auch das Heizfenster-Start-up Vestaxx, das im vergangenen Jahr am „A² Adlershof Accelerator Smart Energy Programm“ teilnahm. „Dahinter“, so Vestaxx-Geschäftsführerin Wiebke Kropp-Büttner, „steht die Idee, Start-ups mit etablierten Unternehmen der Energiebranche zusammenzubringen und ihnen damit die Chance zu geben, gemeinsam Pilotprojekte und ihre Geschäftsideen umzusetzen.“ Die Partner waren die BTB Blockheizkraftwerks-Träger- und Betreibergesellschaft mbH Berlin, die Gasag sowie die Stromnetz Berlin GmbH. Als Netzwerk diente außerdem der Bundesverband Neue Energiewirtschaft mit seinen mehr als 50 Mitgliedsunternehmen. Nach dem fünfmonatigen Programm mit kostenfreiem Zugang zum Coworking Space und Übernahme der Kosten für Coaching und Rechtsberatung kam schließlich eine Zusammenarbeit mit der BTB zustande.
In diesem Frühjahr wird ein Raum im Gebäude des BTB-Firmensitzes in Charlottenburg mit Vestaxx-Heizfenstern ausgestattet. „Außerdem sind wir in Gesprächen mit mehreren Investoren, die Interesse an unserer Technik haben“, sagt Wiebke Kropp-Büttner, „dabei bevorzugen wir eher strategische Investoren, die das Projekt später im eigenen Unternehmen weiter zum Erfolg treiben.“ Die Serienfertigung ist ab Mitte 2017 geplant. Dass Vestaxx im Technologiepark Adlershof sitzt, hat seinen Grund: „Technologieparks bieten eine höchst attraktive Dichte vernetzter Wissenschaft und Wirtschaft – und alles in fußläufiger Entfernung.“
Deshalb gehört Adlershof auch zu den Innovations-Hotspots Berlins. Fast die Hälfte der in Adlershof ansässigen Firmen zählen zur Hightech-Industrie, knapp 30 Prozent sind Ingenieurbüros oder Dienstleister in Forschung und Entwicklung. Im Nordosten der Stadt gilt Berlin-Buch als Hotspot für die Gesundheitswirtschaft, im Westen die City West mit TU und großen Forschungsinstituten wie Fraunhofer oder Heinrich Hertz. Zwei weitere Hotspots liegen in Kreuzberg-Ost und Prenzlauer Berg, wo viele junge Firmen vor allem aus der Kreativwirtschaft und der Software-Branche arbeiten. Nicolas Zimmer schätzt, dass sich rund 80 Prozent der Berliner Start-ups gerade in diesem Bereich gründen und hauptsächlich mit der Entwicklung von Apps und Games beschäftigt sind.
„Berliner Unternehmen sind innovativer als bundesdeutsche“, sagt Zimmer, „die schneiden grundsätzlich besser ab.“ Allerdings seien die Innovationsaktivitäten in der Hauptstadt wie im Bundesgebiet rückläufig. „Wir stellen aber gleichzeitig fest, dass die Innovationsausgaben in Berlin steigen – es öffnet sich also eine Schere: Weniger Unternehmen geben mehr Geld für Innovationen aus.“ Ein Befund, der ernst genommen werden müsse: „Denn offensichtlich werden vormals innovative Mittelständler vom Innovationsgeschehen abgehängt.“ Damit dieser Trend nicht anhält, begrüße er alle Anstrengungen, etablierte Firmen mit Startups zusammenzubringen.
Dem stimmt auch Dr. Marion Haß zu: „Bei aller Euphorie müssen wir registrieren, dass im Zeitraum von 2011 bis 2015 die Innovatorenquote in Berlin von 57 auf 48 Prozent gesunken ist, aber noch über dem Bundesdurchschnitt liegt, der von 51 auf 43 Prozent rutschte.“ Es sollte also weiterhin im Interesse der Stadt liegen, die Innovationsaffinität der Unternehmen auf eine breitere Basis zu stellen.
Dass Berlin Hauptstadt der Innovationen bleibt, bezweifeln junge Unternehmensgründer wie Wiebke Kropp-Büttner nicht: „Die Infrastruktur dafür halte ich für sehr vorteilhaft – wichtig ist jetzt, dass alle Akteure dranbleiben und mitwirken, dass sich Innovationsfähigkeit und Erfolg verstetigen.“
Almut F. Kaspar
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