Titelthema der Berliner Wirtschaft: Die Fabrik in der Stadt

Olli hat was. Etwas, das Berliner mögen. Er ist knuffig, modern und irgendwie urban. Olli ist kein neues Tierbaby im Zoo, sondern ein Minibus. Einer, der aus der Reihe fällt. Er fährt ohne Fahrer, gesteuert von Software und Sensoren, braucht weniger Energie, soll sicherer sein – und kann auf relativ kleiner Fläche produziert werden. Letzteres ist für Berlin besonders wichtig, denn die Hauptstadt braucht Industrie, ohne mit großen, günstigen Flächen locken zu können. Doch das US-Unternehmen Local Motors aus Arizona hat damit keine Probleme. Es hat sich vor zweieinhalb Jahren hier angesiedelt, vor einem halben Jahr wurden Räume in der Nähe des Treptower Parks bezogen. Dort wird Olli produziert – mit modernsten Methoden. Viele Teile des Kleinbusses kommen aus dem 3D-Drucker.
Berlin ist der erste europäische Standort von Local Motors. „Wir haben uns für Berlin entschieden, weil Deutschland die stärkste Wirtschaft in Europa ist und weil Berlin sich schon vor drei Jahren als der führende Standort für Mobilitätstechnologien herauskristallisierte“, erklärt Marketing Director Carlo Iacovini. Die innerstädtischen Flächen wurden bewusst gewählt. „Wir brauchen nicht viel Platz für unsere Produktion“, sagt Iacovini. In der Bouchéstraße wurden 2.000 Quadratmeter für die „Micro Factory“ angemietet. Die reichten für die Produktion, zudem dient die Micro Factory als Showroom für den Verkauf – schon deshalb ist die Lage wichtig. Einkäufer aus Unternehmen können sich in Treptow den autonom fahrenden Minibus präsentieren lassen.
In der Stadt werden solche Trends aufmerksam beobachtet. „Es steht die Frage im Raum, wie sich die wachsende Stadt Berlin weiterentwickelt, wenn die zur Verfügung stehenden Flächen immer härter umkämpft werden“, sagt Anne-Caroline Erbstößer von der Technologiestiftung Berlin. Derzeit wird vor allem über den immensen Wohnraumbedarf diskutiert. Aber: „Nur Wohnungen? Das kann nicht sein“, erklärt die Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Expertin für den Themenbereich „Technologie und Stadt“. In der Vergangenheit sei in vielen Städten sehr viel falsch gemacht worden. Monostrukturen und Funktionstrennungen haben sich dabei als der falsche Weg erwiesen. Wenn Wohnen, Arbeiten und Shopping jeweils in separaten Vierteln untergebracht werden, entstehen Quartiere, die zu bestimmten Zeiten menschenleer sind und Kriminalität begünstigen. Unnötiger Verkehr wird provoziert. Einzelhändler verlieren Umsätze, weil Berufstätige und Anwohner als Laufkundschaft ausscheiden.
gesunde Mischung aus Wohnen, Gewerbe, Handel, Gastronomie und Kultur sein. Doch wo kann die Industrie in einer Stadt wie Berlin dauerhaft ihren Platz finden? Die Technologiestiftung hat dazu im vergangenen Jahr die Studie „Produktion in der Stadt“ vorgelegt.
Einen breiten Raum nehmen technologische Veränderungen ein, die unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ in die Produktion einziehen. Künftig kann kleinteiliger und bedarfsgerechter produziert werden. Und damit gehen andere Flächenkonzepte einher.
Für eine Metropole wie Berlin stellt sich dabei die Frage, ob die Industrie – wie das Wohnen – in die Höhe wachsen kann. Die vertikale Fabrik wäre eine Lösung, um Platzprobleme in den Griff zu bekommen. Anne-Caroline Erbstößer sieht gute Chancen für solche Konzepte und weist darauf hin, dass diese nicht einmal neu sind: „Es gab in Berlin früher viele Gewerbehöfe, in denen im zweiten, dritten oder vierten Stock in sogenannten Etagenfabriken produziert wurde. Auch heute gibt es dafür funktionierende Beispiele. Diese Idee kann neu belebt werden.“
Ein Beispiel ist BMW in Spandau. Am Juliusturm werden Motorräder auf zwei Etagen montiert. Die Produktion konnte am Standort in den vergangenen Jahren kräftig wachsen, weil Abläufe neu organisiert und Bänder neu angeordnet wurden. 2016 verließen 143.000 Motorräder und Scooter – inklusive Montagekits für die Auslandsproduktion – das Werk, ein Plus von 42 Prozent gegenüber 2006, als die Jahresproduktion noch bei 101.400 lag.
Auch Larissa Zeichhardt, Geschäftsführerin der LAT Funkanlagen-Service GmbH, hat die Werkstatt ihrer Firma im dritten Stock eines Bürohauses in der Revaler Straße in Friedrichshain eingerichtet. Lange hat sie über die Standortentscheidung nachgedacht. Rein finanziell wäre ein Umzug nach Brandenburg lukrativer gewesen. „Aber da wären wir zu weit weg von unseren Kunden gewesen, und ich glaube auch nicht, dass alle unsere Mitarbeiter so weite Wege in Kauf nehmen würden“, sagt die Geschäftsführerin.
In der Werkstatt entwickeln und produzieren ihre Mitarbeiter Sicherheitstechnik für den Öffentlichen Personennahverkehr – zum Beispiel Videoüberwachungs-, Bildübertragungs- und WLAN-Systeme. Reparaturen müssen schnell erledigt werden, schon deshalb braucht das Unternehmen einen zentralen Standort, damit die Monteure schnell am Einsatzort – zum Beispiel den zentralen Betriebswerkstätten – sein können.
Eine Werkstatt im dritten Stock sei heute prinzipiell kein Problem, meint Larissa Zeichhardt. Die Geräte und das Material sind kleiner und leichter geworden. Doch gebe es in zentralen Berliner Lagen nicht ausreichend Gebäude, die auf Gewerbe ausgerichtet sind – zum Beispiel weil Lastenaufzüge fehlen. Die Prozessoptimierung sei in den gegenwärtigen Räumen schwierig. LAT will daher in der Modersohnstraße selbst bauen. Produktion, Werkstatt und Lager werden dann ebenerdig unmittelbar zusammenliegen.
Larissa Zeichhardt weiß, dass heute viele Unternehmer am liebsten einen zentralen Berliner Standort beziehen möchten. „Es geht vor allem um die Mitarbeiter. In der Innenstadt sind gute Leute am besten zu halten, und es ist einfacher, neu einzustellen. Und da die Produktion heute oft weniger Platz braucht, geht das auch“, erklärt die Unternehmerin. Sie selbst hat in Bezug auf die Mitarbeiterakquisition entsprechende Erfahrungen gemacht: „Heute sind wir mit Stellenausschreibungen in Friedrichshain erfolgreicher als vor anderthalb Jahren, als wir noch in Spandau waren.“
Doch es wird für Firmen immer schwerer, geeignete Flächen in zentralen Lagen zu beziehen. Zumal die Industrie auch in Zukunft großes Interesse an Berlin als Produktionsstandort haben wird, glaubt Dr. Stefan Franzke, Geschäftsführer von Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie. „Heutige Produktion hat sehr oft einen geringeren Flächenbedarf, verursacht weniger Lärm und stößt weniger CO2-Emissionen aus. Die Unternehmen wollen daher mit ihrer Fertigung in die Stadt zurückkehren“, sagt Franzke – nicht zuletzt auch, um attraktiver für hoch qualifizierte Talente zu sein. Nach Ansicht  von Franzke wird es immer mehr Arten von Fertigung geben, die stadtverträglich sind oder sogar zum natürlichen Bestandteil des urbanen Lebens werden.
Als Beispiel nennt er Adidas. Im Store im Bikini Berlin werden individuell gefertigte T-Shirts angeboten. Sie werden vor Ort produziert und können zwei Stunden nach Bestellung im Laden abgeholt werden. Dies führe zu sehr viel komplexeren Wertschöpfungsketten, aber auch zu höheren Anforderungen an die Qualifikationen der Mitarbeiter – von der Planung der anspruchvolleren Prozesse bis hin zum Vertrieb. „Die Verfügbarkeit von Talenten wird damit zum Standortfaktor Nummer eins“, erklärt Franzke.
Wegen der Talente wollen Unternehmen in guten Berliner Lagen vor allem Forschungs- und Entwicklungszentren aufbauen. In deren Nähe sollen im nächsten Schritt Prototypen und später erste Kleinserien der neuen Produkte produziert werden.
Ein weiterer Grund für die Rückkehr der Produktion in die Stadt sind auch die neuen Technologien. Sie verändern die Produkte und auch die Fertigung. Unter anderem prägen der 3D-Druck, die Sensorik, das Internet der Dinge und die Miniaturisierung die Digitale Fabrik. Vielfach verringert sich dabei die Bedeutung der Massenproduktionsvorteile – weil kundenindividueller produziert wird – und somit auch der Flächenbedarf.
Die Nachfrage nach Ansiedlungen in Berlin kommt dabei immer stärker von großen Unternehmen aus dem Ausland, registriert auch Roland Sillmann, Geschäftsführer der Wista-Management GmbH, die unter anderem den Wissenschafts- und Technologiepark Adlershof managt. „Wir beobachten ein weltweit wachsendes Interesse an Berlins Wissensstandorten. Der Grund ist der Zugang zu exzellent ausgebildeten und talentierten Menschen sowie zu interdisziplinärem Wissen“, sagt Sillmann. Dabei bedienen sich internationale Unternehmen häufig der Akquisition von Technologieunternehmen vor Ort, um schnell Kontakte zu knüpfen und unmittelbaren Zugang zu lokalen Netzwerken zu erhalten, ergänzt der Wista-Chef. Derzeit kann er ansiedlungswilligen Unternehmen noch ausreichend Flächen anbieten. Insgesamt stehen rund 80 Hektar zur Verfügung.
Dr. Marion Haß, Geschäftsführerin Wirtschaft & Politik der IHK Berlin, hält zusammenhängende Industrie- und Gewerbegebiete, in denen Entwicklung, Fertigung, Handel und Dienstleistung nah beieinander sitzen, für besonders günstige Standorte. „Ein wichtiges Merkmal einer konkurrenzfähigen Produktentwicklung ist Unternehmenskooperation entlang der Wertschöpfungskette. Erfolgreiche Unternehmen suchen den gegenseitigen Austausch und Möglichkeiten zur Zusammenarbeit. Obwohl die digitale Vernetzung Entfernungen problemlos überbrückt, bleibt räumliche Nähe ein unschlagbarer Vorteil“, sagt Marion Haß. Sie verweist darauf, dass die Nähe zur Forschung und zu etablierten Unternehmen auch von Berliner Start-ups in den vergangenen Jahren genutzt wurde, um innovative Kooperationen einzugehen. „Diese Kooperationen besitzen großes Potenzial, um die Hauptstadt zu einem führenden Entwicklungszentrum moderner Industriekonzepte zu machen.“ Einige dieser Kooperationen fänden bereits heute weit über Berlin hinaus Beachtung.
„Die Berliner Industrie definiert sich durch einen Mix aus kreativen Ideen, Hochtechnologie und klassischer Produktion“, so Marion Haß weiter. Auf dieser Mischung basiere die Innovationskraft der Hauptstadt, und das stadtweite Flächenangebot müsse diese Mischung bedienen.
Nach Ansicht der IHK-Expertin braucht Berlin auch in Zukunft Industriegebiete, in denen moderne Produktion ohne Konflikte durch benachbarte Flächennutzung stattfinden kann. „Andererseits entwickeln Berliner Unternehmen revolutionäre Technik, die Produktion zukünftig vielleicht sogar im Kiez-Hinterhof möglich macht“, sagt Marion Haß. Schon heute ist aber spürbar, dass die Menschen in Berlin zusammenrücken müssen. Büroarbeit wird in Coworking Spaces erledigt. Zehn Leute teilen sich acht Arbeitsplätze. Viele Unternehmen steigern zwar ihre Produktionsmenge, optimieren aber ihren Platzbedarf und kommen so mit der gleichen Fläche aus. Große Konzerne wie Siemens oder Osram stellen verfügbaren Platz auf dem eigenen Gelände Start-ups zur Verfügung. Viele erfolgreiche Mittelständler brauchen aber mehr Platz.
Diese Nachfrage erlebt der Geschäftsführer der Tegel Projekt GmbH, Philipp Bouteiller, der für die Nachnutzung des Flughafen-Areals im Norden Berlins zuständig ist. „Wir bekommen auch Anfragen von Berliner Unternehmen, die wachsen und sich vergrößern müssen“, erklärt der Standort-Manager. „Die finden in Berlin keine zusammenhängenden Flächen mehr, auf denen sie wachsen können.“
In Tegel soll es in der „Urban Tech Republic“ 221 Hektar für Gewerbe und Industrie geben. Bis zu eine Mio. Quadratmeter Bruttogeschossfläche können realisiert werden, 17.500 Arbeitsplätze sollen entstehen, etwa genauso viele Menschen können dort wohnen. „Bis 2030 wird der Anstieg der Bevölkerungszahl aber auf vier Millionen Menschen prognostiziert. Wir müssen uns die Frage stellen, wo all die neuen Berliner arbeiten können“, sagt Bouteiller. Schließlich sei Berlin auch eine Stadt zum Arbeiten. Schon heute wächst die Zahl der Beschäftigungsverhältnisse schneller als die der Einwohner.
Derzeit besteht für wachsende Unternehmen noch Aussicht auf ein größeres Areal, beispielsweise in Tegel, im Cleantech Business Park Marzahn oder in Adlershof. Aber was passiert, wenn die Hauptstadt diese Flächen eines Tages nicht mehr bieten kann? „Einige erfolgreiche Unternehmen müssen dann unter Umständen abwandern“, fürchtet Bouteiller. Eine Ansiedlung ins Umland wäre das geringere Übel, doch Bouteiller sorgt sich, dass diese Firmen für den gesamten Wirtschaftsraum Berlin-Brandenburg verloren gehen könnten.
Bouteiller möchte in Tegel einen Standort für Technologien aufbauen, die den hoch verdichteten Metropolen weltweit bei ihren Wachstumsproblemen helfen. Dort sollen sich auch Think Tanks ansiedeln, die nach Konzepten suchen, mit denen die urbanen Herausforderungen bewältigt werden. „Im Vergleich zu Berlin sind die Probleme in vielen asiatischen Metropolen noch sehr viel größer“, sagt Bouteiller. „Andererseits lässt sich von Singapur, Hongkong oder Seoul auch einiges lernen, zum Beispiel wie man mit schnellem Wachstum umgeht.“
Visionen von vertikalen Fabriken müssen seiner Ansicht nach keine Visionen bleiben. Gewerbe-Neubauten in der City hält Bouteiller für realistisch. Für die Logistik müssten ganz neue Konzepte entworfen werden – so könnten etwa Warentransporte auf U-Bahn-Gleise verlagert werden, wenn diese nachts für die Personenbeförderung nicht gebraucht werden. Vorstellungen von der urbanen Produktion der Zukunft hat auch Stephan Kühr. Der Gründer und Geschäftsführer der 3Yourmind GmbH hat eine Plattform entwickelt, auf der produzierende Unternehmen mit 3D-Druck-Dienstleistern zusammenfinden können. Er weiß, dass Kunden über die Plattform nach Dienstleistern suchen, die in der Nähe ihrer Produktion ansässig sind. Die Produktion wird immer stärker dezentralisiert. Für Berlin sieht er hier vielfältigste Anwendungsbereiche. So muss die immer größer werdende Start-up-Industrie mit vielfältigsten Prototypen versorgt werden, während im Kreativ- und Designbereich oft filigrane Anschauungsmodelle benötigt werden. Doch auch die Produktion von Ersatzteilen und komplexen Hightech-Geräten wird durch 3D-Druck im urbanen Raum wirtschaftlich. Die 3D-Drucker für den professionellen Einsatz haben Maße von etwa drei mal drei mal zwei Metern und wiegen ungefähr 1,2 Tonnen. „Klassische Industriehöfe, wie es sie in Berlin häufig gibt, sind ideale Standorte“, sagt Kühr.
Michael Gneuss
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