Titelthema der Berliner Wirtschaft: Freie Bahn für flinke Frachten

Berlin und Brandenburg zählen aktuell zu den dynamischsten Regionen in Deutschland. Immer mehr Menschen ziehen in die Hauptstadt und ihr Umland. Zugleich wächst die Wirtschaft rasant und schafft Tausende Arbeitsplätze. Auch der Wirtschaftsverkehr nimmt spürbar zu und stellt die Akteure vor neue Herausforderungen. Was bedeutet das Wirtschaftswachstum für die Verkehrsinfrastruktur in der Hauptstadtregion? Lassen sich Ziele des Wirtschaftsverkehrs wie Gewerbegebiete oder Geschäftsstraßen überhaupt noch problemlos erreichen?
Auf der anderen Seite wächst der Handlungsdruck auf städtischer Ebene, den Wirtschaftsverkehr umwelt- und stadtverträglich zu gestalten. Welche innovativen Ansätze gibt es bereits für eine nachhaltige City-Logistik? Schon jetzt steht fest: Die nächsten Jahre werden darüber entscheiden, ob der Wirtschaftsverkehr weiterhin seinen unverzichtbaren Beitrag zum Funktionieren Berlins leisten kann.
Zunächst ein Blick auf Auswirkungen des Wachstums von Bevölkerung und Wirtschaft auf die Verkehrsinfrastruktur. Klar ist: Grundsätzlich sind Unternehmen in einer prosperierenden Wirtschaft auf eine leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur angewiesen. Allerdings hält sie nicht Schritt mit der dynamischen Entwicklung der Hauptstadtregion. Mit Blick auf die Erreichbarkeit von Wirtschaftszielen bereitet Experten unter anderem das Überqueren der Landesgrenze von Berlin nach Brandenburg Kopfschmerzen.
Ein aktuelles Beispiel: Die Ortsdurchfahrt Ahrensfelde ist die einzige Verbindung zwischen der Marzahner Märkischen Allee und dem Berliner Autobahnring A 10. Noch immer läuft die B 158 in dieser Ortslage einspurig und mit ampelgeregeltem Abbiegen. Eine leistungsfähige Ortsumfahrung ist überfällig. Der Fall war auch Thema einer gemeinsamen Veranstaltung der Industrie- und Handelskammern in Berlin und Brandenburg. Unter dem Motto „Verkehrsprobleme gemeinsam lösen - Herausforderungen in der wachsenden Hauptstadtregion“ identifizierten die Teilnehmer in der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam weitere konkrete Beispiele mit hohem Problempotenzial wie eine mögliche vierjährige Sperrung der Ortsdurchfahrt in Malchow oder ungelöste Verkehrsanbindungen im Flughafenumfeld Berlin-Brandenburg. Die Forderung der Wirtschaft: „Hier müssen die Verantwortlichen zügig handeln.“
Gleiches gilt für die Verkehrsinfrastruktur in Berlin. Nach Meinung von Experten trifft das Verkehrswachstum in der Hauptstadt auf Verkehrsnetze, die in den vergangenen Jahrzehnten zum großen Teil kaputtgespart worden sind. Die ohnehin nicht auf Verkehrswachstum ausgelegte Infrastruktur muss also in den kommenden Jahren repariert und saniert werden. Verkehrssenatorin Regine Günther schätzte den Investitionsrückstau allein im Straßenbereich in Berlin während der Veranstaltung in Potsdam auf 1,3 Mrd. Euro.
Es besteht also dringender Handlungsbedarf, um die Leistungsfähigkeit der Verkehrsinfrastruktur zu verbessern. „Zu den wichtigsten neuen Projekten für den Wirtschaftsverkehr in Berlin gehören neben der A 100 im Bau auf jeden Fall die Tangentiale Verbindung Ost und die Ortsumgehung Ahrensfelde, weil sie den gesamten Berliner Nordosten mit seinen Wohn- und Gewerbegebieten erschließen“, so Jochen Brückmann von der IHK Berlin. „Parallel muss alles getan werden, damit die bestehenden Hauptachsen nicht zerfallen: A 113, A 114 und A 111 müssen grundsaniert werden, wie auch die Stadtautobahn mit der Rudolf-Wissell- Brücke.“ Das ist eine enorme Aufgabe. Nach Überzeugung des IHK-Experten würde jedes weitere Zögern den Wirtschaftsstandort Berlin deutlich schwächen.
Es ist nicht die einzige Forderung der IHK Berlin mit Blick auf den Wirtschaftsverkehr in der Hauptstadtregion. So basiert der heute gültige Stadtentwicklungsplan (StEP) Verkehr noch auf Schrumpfungsprognosen und hat zudem die Bedeutung Brandenburgs nicht ausreichend berücksichtigt. „Durch das Wachstum der Bevölkerung und der Wirtschaftskraft sind die Anforderungen nun ganz andere“, erklärt Brückmann. „Deshalb müssen auch die Prioritäten neu gesetzt werden.“ Weil der Wirtschaftsverkehr die Last der Ver- und Entsorgung aller Berliner Bewohner, Gäste und Betriebe trägt, muss er dabei nicht nur berücksichtigt, sondern nach Ansicht der IHK viel detaillierter betrachtet werden. Dabei gilt es auch, Themen wie Digitalisierung und neue Verkehrstechnologien konsequent mitzudenken.
Wie Berliner Unternehmen trotz der baufälligen und überlasteten Infrastruktur etwa geeignete Routen für Schwerlasttransporte finden, zeigt das Beispiel der Siemens AG. Im Fall des DAX-Konzerns geht es um den Transport von Gasturbinen mit einem Gesamtgewicht von bis zu 530 Tonnen. Neben den Straßen rund um den Berliner Standort haben die Verantwortlichen vor einigen Jahren bewusst den Entschluss getroffen, den Charlottenburger Verbindungskanal mit in das Transportkonzept aufzunehmen. „Dadurch lassen sich die Belastungen reduzieren: zum einen für die Infrastruktur, zum anderen für die Nachbarschaft“, erklärt Andreas Tobies. „Wichtig bleibt aber nach wie vor, dass Berlin seine Infrastruktur durch geeignete Maßnahmen erhält und die zur Verfügung stehenden Mittel konsequent einsetzt“, so der Leiter im Bereich Fertigungstechnologie und Infrastruktur bei der Siemens AG. Wenn die Wasserstraßen im Stadtgebiet den Regeln für Bundeswasserstraßen entsprechen würden oder die Berechnungen für Schwerlastfahrten nicht jedes Mal neu erstellt werden müssten, könnte das die Situation weiter entlasten.
Was Siemens bereits heute bei Transportproblemen voranbringt, ist ein Runder Tisch mit Vertretern von Senat, Polizei, IHK Berlin und betroffenen Unternehmen. „Die Runde hilft uns sehr, weil hier viele Behörden und Beteiligte an Schwertransporten an einem Tisch sitzen“, freut sich Tobies. „So erreicht man auf allen Seiten Verständnis für die Situation der anderen und gegebenenfalls auch gemeinsame Lösungen.“ Mit gemeinsamer Kraft aller beteiligten Akteure würden sich sicher auch andere Probleme im Bereich der Verkehrsinfrastruktur lösen lassen.
Und wie ist es um die umwelt- und stadtverträgliche Gestaltung des Wirtschaftsverkehrs in Berlin bestellt? Eine Maßnahme könnte künftig viele Gewerbetreibende in Berlin mit Blick auf die Erreichbarkeit von Gewerbegebieten, Geschäftsstraßen oder Wohngebieten hart treffen: die Einführung der blauen Fahrzeugplakette. Sie steht gerade bundesweit in der Diskussion und würde zu Durchfahrtverboten für Fahrzeuge unter dem Standard Euro 6/VI Diesel bzw. Euro 3/III Benzin führen. Davon wäre die Berliner Wirtschaft besonders stark betroffen, denn insbesondere die vielen kleinen- und mittelständischen Unternehmen nutzen die Vorteile von Dieselfahrzeugen. Dazu zählt zum Beispiel die Komm Logistik GmbH. „Wenn ab 2020 Lieferfahrzeuge unter Euro VI nicht mehr ins Berliner Zentrum dürften, müssten wir trotz modernen Fuhrparks über 700.000 Euro zusätzlich in neue Dieselfahrzeuge investieren, unsere Transportpartner im Nahverkehr sogar mehrere Millionen“, erklärt Geschäftsführer Andreas Komm. „Unter dem hohen wirtschaftlichen Druck ist das kaum möglich.“
Um sich einen genauen Überblick über die Auswirkungen der Plakette auf Berliner Unternehmen zu verschaffen, hat die IHK Berlin zudem eine Umfrage zu dem Thema gestartet. Erste Berechnungen der IHK zeigen bereits, dass in Berlin mehr als 80.000 gewerbliche Pkw, kleine Transporter und große Lkw betroffen wären - und dabei sind Pendler noch nicht berücksichtigt. Einfache Nachrüstlösungen sind, anders als bei der vor einigen Jahren eingeführten grünen Plakette mit einer Umweltzone, nach heutigem Stand nicht möglich.
Klaus-Günter Lichtfuß fordert in diesem Zusammenhang längerfristige Übergangslösungen, bis entsprechende Fahrzeuge im Markt verfügbar sind. „Bis zum Ziel eines ,klimaneutralen Verkehrs‘ 2050 werden in Fahrzeugflotten mindestens Hybridantriebe mit Verbrennungsmotoren noch im Einsatz sein“, schätzt der Leiter Logistik bei der Berliner Hafenund Lagerhausgesellschaft mbH (Behala). „Je nach Akku-Kapazität können dann Kurzstrecken in besonders sensiblen Gebieten ohne den Einsatz von Verbrennungsmotoren gefahren werden.“ Die Behala schaut nicht nur bei diesem Thema weit voraus. Das Berliner Unternehmen zeigt auch immer wieder, wie sich innovative Ansätze im Bereich einer nachhaltigen City-Logistik bestens in den Alltag von Unternehmen integrieren lassen und dabei umweltpolitische Ziele unterstützen. So hat die Behala zum Beispiel den bislang größten Elektro-Lkw mit Straßenzulassung im Rahmen des Forschungsprojekts KV-EChain getestet. „Für den Werk- und Terminalverkehr sind diese Fahrzeuge hervorragend geeignet und ersetzen zu 100 Prozent die konventionellen Dieselfahrzeuge“, freut sich Lichtfuß. Für den Einsatz im Stadtverkehr sei allerdings ein wirtschaftlicher Betrieb noch nicht darstellbar.
Insgesamt eröffnen auch neue Konzepte bei der Verteilung von Waren und Gütern im Rahmen des innerstädtischen Lieferverkehrs große Chancen einer umwelt- und stadtverträglicheren Gestaltung des Wirtschaftsverkehrs. Konkret geht es hier um den Weg vom letzten Umschlagplatz zum Kunden auf der sogenannten letzten Meile. „Grundsätzlich lassen sich in dicht belieferten und gleichzeitig verkehrlich stark belasteten Bereichen gute Lösungen dadurch entwickeln, dass Sie die Zustellvolumina in die Innenstadt bringen und von dort aus überhaupt nicht mehr motorisiert verteilen“, erklärt Lars Purkarthofer, Vorstand des Bundesverbandes Paket und Expresslogistik. In diesen Fällen rückt der Einsatz von Lastenfahrrädern in den Mittelpunkt.
Eines der Berliner Unternehmen mit Lastenrädern im Fuhrpark ist die Go! General Overnight & Express Logistik GmbH. „Der Startschuss bei Go! war im Januar 2015, somit gibt es schon ausführliche Erfahrungswerte“, erklärt Wolfgang Sacher. „Wir haben festgestellt, dass unsere Kuriere im Innenstadtbereich deutlich schneller als Pkw, Van oder Lkw vorankommen“, so der Gesellschafter des Unternehmens. „Das liegt an Vorteilen wie der Nutzung von Busspuren oder abkürzenden Fahrradwegen, aber auch der Befahrung von Einbahnstraßen in der Gegenrichtung.“ Hinzu kämen der Wegfall von Steuern und Versicherungskosten, eine günstigere Wartung und eine höhere Flexibilität im Einsatz. Derzeit setzt Go! zehn Lastenräder ein. Mittlerweile ist – mit Anhänger – eine Zuladung bis zu 500 Liter Volumen und 150 Kilogramm Gewicht möglich. Wolfgang Sacher traut den Cargo-Bikes zu, in Zukunft bis zu 50 Prozent der innerstädtischen Paketlogistik zu übernehmen. „Der Einsatz von vielen Cargo-eBikes würde auch den Verkehrsfluss in Berlin verbessern, da deutlich weniger Zustellfahrzeuge in der zweiten Reihe parken würden“, ist sich der Experte sicher. „Hierfür muss in Berlin allerdings eine ausreichende Zahl an Micro-Hubs flächendeckend eingerichtet werden.“
Das weiß auch die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz. Deswegen hat sie das Projekt „Kooperative Nutzung von Mikro-Depots durch die KEP-Branche für den nachhaltigen Einsatz von Lastenrädern in Berlin“ ins Leben gerufen. Die Abkürzung KEP steht für: Kurier, Express und Paket. Kern des Konsortiums bilden neben der Senatsverwaltung die sieben größten KEP-Dienstleister und die Behala. Letztlich wird es bei der Ausgestaltung solcher Konzepte auch darauf ankommen, den Wirtschaftsverkehr mit motorisierten Zustellfahrzeugen und Lastenfahrrädern so zu organisieren, dass sie sich gegenseitig nicht behindern. Zweckmäßig ist dabei die Einrichtung von zusätzlichen und geeigneten Lieferzonen. Zudem muss es in Geschäftsstraßen angemessene Parkgebühren geben. Und: Anwohnerparkausweise dürfen dort keine Gültigkeit haben.
Schließlich geht es auch bei zwei ganz neuen Ideen aus der Hauptstadt um intelligente Lösungen bei Transport und Verteilung von Waren. Im Rahmen des Projektes Velogut können Berliner Unternehmen seit diesem Monat Cargo-Bikes für einen bis drei Monate testen. „Velogut möchte Unternehmen von den positiven Vorzügen der Lastenräder im Wirtschaftsverkehr überzeugen und damit praxisorientierte Pionierarbeit leisten“, erklärt Cora Geißler. Barrierefrei und unkompliziert werden den Unternehmen professionelle Lastenräder mit individuellem Aufbau kostenlos zur Verfügung gestellt. „Wir profitieren von den Erfahrungen und nehmen sie in unsere Evaluierung auf, um zukünftig noch unternehmensspezifischere Lösungen im Bereich des Lastenradfuhrparks zu bieten“, so die Geschäftsführerin von Velogut. Dabei sind bisher unter anderem ein Fotograf, der Tierpark in Karlshorst oder das Bezirksamt Friedrichshain.
Dagegen geht es bei der neuen Idee der Deutschen Bahn AG um die Frage, wie insbesondere der wachsende Anteil online bestellter Waren die Kunden erreicht, ohne dass der innerstädtische Lieferverkehr immer weiter zunimmt. Interessant ist dieses innovative Konzept nicht nur für Pendler. „Die BahnhofsBox“ soll perspektivisch Reisenden und Bahnhofsbesuchern die Möglichkeit bieten, ihre online bestellten Einkäufe am Bahnhof abholen zu können“, erklärt Dr. André Zeug. „Das können Pakete von Online-Händlern sein, aber auch die Übergabe von Wäsche durch Reinigungen, die Entgegennahme von Schlüsseln durch Autovermietungen oder die private Übergabe von Dingen sind möglich“, so der Vorstandsvorsitzende der DB Station & Service AG. In Stuttgart hat die Deutsche Bahn eine gekühlte Variante der BahnhofsBox zur Abholung online bestellter Lebensmittel gestartet. „Grundsätzlich ist die BahnhofsBox aber ein offenes ,White-Label‘-Konzept, das mehrere Partner aus Handel und Dienstleistung als Übergabeplattform nutzen können“, so Zeug.
Aktuell finden Gespräche zu einer Umsetzung für erste Standorte in Berlin wie etwa dem Bahnhof Südkreuz statt. Auch mit Blick auf die künftige Bedeutung von Mobilitätsknotenpunkten ist die Idee wertvoll. „Der Bahnhof kann als zentraler Bündelungspunkt des innerstädtischen Lieferverkehrs eine große Entlastungsfunktion einnehmen“, glaubt Dr. Zeug. Genau solche innovative Lösungen helfen bei der umwelt- und stadtverträglichen Gestaltung des Berliner Wirtschaftsverkehrs.
Jens Bartels
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